Jedes Instrument ein Solist, jeder Satz eine Welt: Mozarts Divertimento in Es-Dur

Im 3. Liedkonzert am Freitag erklingen nicht nur Lieder von György Kurtág, sondern auch Mozarts Divertimento KV 563. Der zugehörige Programmhefttext ist heute schon hier im Blog zu lesen:

Zugegeben, nur wenige Menschen verspüren im Laufe ihres Lebens Lust, eine Gattungsgeschichte des Streichtrios zu schreiben. Wenn man aber eine solche Geschichte schreiben möchte, kommt man um dieses besondere Streichtrio nicht herum, obwohl es gar nicht »Streichtrio« heißt, sondern »Divertimento«. Wolfgang Amadeus Mozarts 1788 vollendetes Divertimento in Es-Dur KV 563 gilt vielen als Geburtsstunde der Gattung, während es vorher nur einzelne Versuche mit dieser Instrumentenkombination gab. Mozart hatte kurz zuvor einige seiner berühmtesten Orchesterwerke komponiert, darunter die Jupiter-Symphonie und das Krönungskonzert. Das Divertimento fällt ungefähr in die Mitte des Zeitraums zwischen zwei seiner großen Streichquintette und den sogenannten »Preußischen« Streichquartetten. Für welchen Anlass zwischendurch dieses Trio entstand, ist unbekannt – vielleicht reizte Mozart lediglich die reduzierte und kompositorisch noch wenig erschlossene Besetzung. Nun erscheint es auf den ersten Blick nicht sehr innovativ, statt vier Streichinstrumente im populären Streichquartett nur drei zu kombinieren, aber satztechnisch ergeben sich ganz andere Konsequenzen: Während man im Streichquartett Paare bilden kann (hohe versus tiefe Streicher oder Mittelstimmen versus Außenstimmen), ist dies im Trio nicht möglich. Sofern nicht alle Instrumente gemeinsam spielen, ist immer eine Stimme solistisch unterwegs. Mozart nutzte diese Besonderheit mit sichtlicher Experimentierfreude aus: In mehreren Sätzen rotieren Violine, Viola und Cello munter durch die Rollen Melodiestimme, Mittelstimme und Bass: Jeder kann plötzlich zum Solisten werden, und manchmal begibt sich das Cello dabei in so hohe Lagen, dass es für eine Geige gehalten werden könnte.

Jeder der sechs Sätze entfaltet dabei eine eigene Welt, aber allen Sätzen ist gemein, dass sie mit dem Dreiklang der Grundtonart beginnen, aus dem sich mehr oder weniger direkt das erste Thema des Satzes entwickelt. Zweimal (im 1. und 2. Satz) nimmt die Musik im Mittelteil eine überraschende Wendung ins Unheimliche oder Düstere: Im Kopfsatz-Allegro führt Mozart das absteigende Dreiklangmotiv an dieser Stelle in immer entlegener Harmonien, so dass es regelrecht gespenstisch erscheint, und im Adagio ist es eine Wendung des hier aufsteigenden Dreiklangmotivs nach Moll, die eine unheimliche Wirkung hat. Der 4. Satz, Andante, ist ein Variationssatz über ein betont einfaches, volksliedhaftes Thema, das allerdings im Verlauf der Variationen aus immer weiterer Ferne winkt. In der dritten der insgesamt vier Variationen, der Moll-Variation, erreicht die Gleichberechtigung der drei Stimmen einen Höhepunkt, wenn die Instrumente »im Kreis« ihre Stimmen tauschen.

»Divertimento« bedeutet eigentlich »Vergnügen« und bezeichnet in der Regel leichte und unterhaltsame, mehrsätzige Instrumentalwerke. Mozarts Es-Dur-Divertimento scheint dieser Charakterisierung nicht ganz zu entsprechen, allein schon wegen seiner Dimension: Zwischen 45 und 50 Minuten dauert eine vollständige Aufführung. Auch die harmonische Komplexität passt nicht recht zu einem Divertimento. Aber man täte diesem Werk Unrecht, würde man seine spielerische Raffinesse und die gleichzeitige Einfachheit übersehen: Das volksliedhafte Thema im Andante wurde bereits erwähnt – im abschließenden Allegro zitiert Mozart sein eigenes, zum Volkslied gewordenes Lied »Komm lieber Mai und mache«. In den beiden Menuetten führt Mozart den Hörer spielerisch an der Nase herum, indem er kleine Unregelmäßigkeiten einbaut. Und im ersten fasst der Komponist jeweils zwei Dreiertakte so zusammen, dass dass sie wie ein Takt im halben Tempo wirken – Menuett tanzen unmöglich!


3. Liedkonzert FLÖTENTÖNE

GYÖRGY KURTÁG
„…PAS À PAS – NULLE PART…“ FÜR BARITON SOLO, SCHLAGWERK UND STREICHTRIO

VIOLINE: LUMINITZA PETRE
VIOLA: THOMAS GEHRING
VIOLONCELLO: VACHE BAGRATUNI
SCHLAGZEUG: EMIL KUYUMCUYAN*

WOLFGANG AMADEUS MOZART
DIVERTIMENTO ES-DUR KV 563

VIOLINE: EDUARD SONDEREGGER*
VIOLA: NICOLE GREENTREE*
VIOLONCELLO: HUGO RANNOU*

 

*Studierende der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart

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