Der Rosenkavalier//Bühnenmeisterei

Die Proben zu Richard Strauss‘ DER ROSENKAVALIER sind bereits in vollem Gange. Fasziniert von der zauberhaften Maschinerie und den spektakulären Effekten, die Stefan Herheims Inszenierung auszeichnen, besuchte und befragte Dramaturgieassistentin Johanna Danhauser den Bühnenmeister Benno Brösicke hinter den Kulissen.

Bühnenmeister oder Bühneninspektor – was ist nun eigentlich deine Berufsbezeichnung?

Den Rosenkavalier habe ich seit 2009 als Bühnenmeister betreut. Da geht es um die gesamte technische Leitung einer Theaterproduktion: Lange vor der Premiere überlegt man mit dem Regieteam, welche technischen Möglichkeiten das Bühnenbild für diese Inszenierung leisten muss. Um die künstlerischen Vorstellungen umzusetzen, muss man manchmal sehr lange über den Entwürfen sitzen und sich kreative Lösungen einfallen lassen. Bei der Bauprobe (circa neun Monate vor der Premiere) wird dann das Bühnenbild das erste Mal im Saal aufgebaut und man kann überprüfen, wo noch Schwachstellen und Problemherde sein könnten. Ab Probenbeginn wird die Inszenierung mitsamt den dazugehörigen technischen Abläufen entwickelt. Bis zur Premiere probieren wir aus, wie man die Regieideen technisch umsetzen kann. Danach bin ich auch bei jeder Vorstellung dabei, kontrolliere und initiiere die technischen Einsätze.

Seit 2012 arbeite ich unter dem Titel „Bühneninspektor“ am Kammertheater, dem „kleinsten Dreispartenhaus Deutschlands“. Da verantworte ich mit meinem Kollegen Matthias Henning die ganze Planung der technischen Abteilung. Dort werden Produktionen blockweise gespielt – ganz anders als der Repertoirebetrieb des Opernhauses. Für den ROSENKAVALIER wurde ich in der letzten Spielzeit ins „große Haus“ eingeladen. Da die Inszenierung und die technischen Abläufe sehr komplex sind, ist es gar nicht so einfach die Betreuung zu übernehmen. Man braucht bei jeder Vorstellung sogar zwei Bühnenmeister. Ab dieser Spielzeit übernimmt die Aufgabe meine Kollegin Cemile Soylu.

Stefan Herheims ROSENKAVALIER-Inszenierung fackelt ein richtiges Feuerwerk an Effekten und Bühnenaktion ab. Was bedeutet das für die technische Abteilung?

Die vielen Verwandlungen, dynamischen Szenenwechsel, Bühnendrehungen, Versenkungen und Flüge erfordern, dass man gleichzeitig auf dem Schnürboden, dem Unterboden und auf der Bühne einsatzbereit ist. Auch die Pausenumbauten sind aufwendig, denn es muss ja schnell wieder weiter gehen. Deshalb arbeiten wir mit einem großen Team, bestehend aus circa 30 Kollegen der technischen Abteilung, um diesen technischen Aufwand zu stemmen. Jeder hat bei der Vorstellung seinen Platz und eine bereits routinierte Aufgabe. Die Durchführung und Abfolge von technischen Aktionen ist in jedem Fall genau vereinbart. Da gibt es dann bunte Markierungen auf der Bühne, Stichwörter und Zeichen vom Inspizienten, damit jeder Handgriff sitzt und die Sicherheit aller Beteiligten garantiert ist. Aber gerade bei dunklen Lichteinstellungen oder viel Nebeleinsatz auf der Bühne – wie im ersten Bild des ROSENKAVALIERS – ist es nicht so einfach eine ganz bestimmte Markierung zu erkennen. Deshalb müssen die verantwortlichen Kollegen gut „einstudiert“ sein und die potentiellen Problemstellen kennen, um diese Aufgaben zu übernehmen.

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Auf dem Steg, auf dem die Sänger in das Fluggeschirr ein- und aussteigen, klebt ein genauer „Flugplan“ für die ROSENKAVALIER-Vorstellungen.

Und wo ist dein Platz während der Vorstellung?

Ich bin während dem ROSENKAVALIER ständig in Bewegung. Als Bühnenmeister kontrolliere ich vorab den Aufbau und alle technischen Verwandlungen – erfahrungsgemäß weiß ich, welche Übergänge heikel sein könnten … Der technische Ablauf ist ja an die Szenen im Stück und die Musik gebunden. Weil das Tempo, das die Dirigenten anschlagen, variiert und die Positionen der Sänger auch nicht immer genau gleich sind, muss man flexibel reagieren können. Über ein Headset bin ich mit dem Inspizienten verbunden, der alles im Blick hat und koordiniert. Wenn es zu Verzögerungen oder technischen Problemen kommt, muss ich auch mal spontane Entscheidungen treffen, damit die Sicherheit gewährt bleibt. Hin und wieder machen uns die Verschleißerscheinungen unserer Bühnentechnik aus den 80er Jahren Sorgen. Aber da heißt es Nerven bewahren!

In der Stuttgarter Inszenierung des ROSENKAVALIER  gibt es viele „Bettgeschichten“, das ganze Möbelstück tanzt …

Ja, das Bett bewegt sich selbst. Es ist auf einen ferngesteuerten „Würfel“ gebaut, der mit einer Art Joy-Stick ferngesteuert wird. Es gibt in dem Bett auch noch ein Geheimfach, in dem sich die Figur des Pan verstecken kann. Dieses Gerät bedient ein Maschinist live und lässt es in Schrittgeschwindigkeit fahren. Jede Vorstellung ist anders und man muss gut aufpassen, dass man niemandem über die Füße fährt.

Hast du eine Lieblingsstelle im Rosenkavalier?

Da ich bisher bei jeder Vorstellung des Rosenkavaliers hinter der Bühne beschäftigt war, konnte ich die Inszenierung noch nie als Zuschauer verfolgen. Eine Lieblingsstelle habe ich aber trotzdem:

Im 3. Akt, kurz bevor die Figur des Ochs‘ abhebt, muss ich selbst auf die Bühne, um dem Sänger unauffällig das Fluggeschirr anzuziehen. Dann renne ich schnell wieder auf den Schnürboden, um den Sänger bei der „Landung“ abzuholen. Damit ich nicht auffalle trage ich einen Dreispitz-Hut und mische mich kostümiert unter die Choristen.

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Benno Brösicke mit seiner Tarnkappe für seinen Auftritt im dritten Akt.

So ein Bühnenflug steht auch im Theater nicht täglich auf dem Programm. Was gilt es zu beachten?

Mir ist wichtig, dass sich die Sänger beim Fliegen sicher fühlen. Deshalb machen wir meistens eine erste Flugprobe ohne die Regie, damit der Darsteller sich an die Höhe gewöhnen kann. Auch bei Umbesetzungen muss man den Flug vorher auszuprobieren. Es geht ja nicht, dass der Darsteller bei der Vorstellung ganz grün im Gesicht wird und nicht mehr singen kann. Vor den Vorstellungen checke ich alle Positionen im Flugwerk ganz genau im Selbstversuch, um ganz sicher zu gehen, dass alles klappt. Die Sänger müssen sich ja in diesem Moment ganz auf die Maschinerie verlassen können. Und ganz nebenbei – ich liebe Fliegen!

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In diesem Korb rast „der Ochs“ unter Feldmarschallins Rock bis zur Taille. Bunte Markierungen helfen den Bühnenarbeitern den Überblick über die technischen Einrichtungen und Abläufe zu bewahren.

 

Musikalische Leitung: Georg Fritzsch, Regie: Stefan Herheim, Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Gesine Völlm, Licht: Olaf Freese, Chor und Kinderchor: Johannes Knecht, Dramaturgie: Xavier Zuber

Feldmarschallin: Simone Schneider, Baron Ochs auf Lerchenau: Friedemann Röhlig, Octavian: Paula Murrihy, Herr von Faninal: Michael Ebbecke, Sophie: Lenneke Ruiten, Jungfer Marianne Leitmetzerin: Rebecca von Lipinski, Valzacchi: Torsten Hofmann, Annina: Hilke Andersen, Polizeikommissar / Notar: Mark Munkittrick, Haushofmeister der Marschallin / Haushofmeister bei Fanninal / Ein Wirt: Heinz Göhrig, Sänger: Gergely Németi, Pan (Page / Leopold / Flötist / Arzt / Kellner): Thomas Schweiberer, Modistin: Karin Horvat, Tierhändler: Alois Riedel, Mit: Staatsopernchor Stuttgart, Kinderchor der Oper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart

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