Ein kondensiertes Festival für den Meister der Kompaktheit

Konzerte und Vorträge zum 90. Geburtstag von György Kurtág

„Produktiv wie eh und je“ würde man gerne über den großen Jubilar des Jahres 2016 schreiben. Aber produktiv im herkömmlichen Sinne ist György Kurtág eben nicht. Das ist aber seit mindestens 60 Jahren so. Kurtág arbeitet langsam, verwirft viel, und am Ende eines langen Verdichtungs- und Evolutionsprozess stehen oft überraschende kurze Werke – Miniaturen, die sich manchmal zu längeren Reigen formen wie der Liederzyklus „…pas à pas – nulle part…“ oder die immer weiter erweitert werden wie die Játékok. Erstaunlicherweise führten die strenge Auslese und die Verdichtung, die Kurtág Arbeitsprozess bestimmen, nicht zu hermetischen „Kopfgeburten“, sondern zu ausdrucksstarker und mitteilsamer Musik. Dabei gibt es über den unmittelbaren Ausdruck noch genug zu entdecken: jede Tonverbindung hat ihre Bedeutung, oft verweisen Strukturen und Klänge auf andere Komponisten oder Musiktraditionen.

Den 90. Geburtstag des außergewöhnlichen ungarischen Komponisten feiern die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, die Oper und die Internationale Hugo-Wolf-Akademie Stuttgart gemeinsam mit einem gemeinsamen Geburtstagswochenende mit verschiedenen Konzerten und Vorträgen.

Am 19. Februar steht das Verhältnis von Kurtág und einem anderen Meister der verdichteten Miniaturen im Zentrum: In Samuel Beckett fand György Kurtág einen in vieler Hinsicht verwandten Künstler. Auch die seit Jahren angekündigte Oper von György Kurtág soll auf Beckett beruhen. Von Beckett stammen auch die Texte zum Liederzyklus „…pas à pas – nulle part…“. Die Musikwissenschaftlerin Catherine Laws von der University of York und der Romanist Hinrich Hudde beleuchten in Vorträgen die Besonderheiten von Text und Musik, bevor der Zyklus zur Aufführung kommt.

Ein weiterer Liederabend am Samstag des Geburtstagswochenendes beleuchtet die Beziehung zwischen Kurtág und Anton Webern. Kurtág lernte die Musik Weberns auf seiner Parisreise 1957/58 kennen. Diese Reise wurde zum Wendepunkt der künstlerischen Entwicklung des Komponisten: War er zuvor durch den „eisernen Vorhang“ weitgehend von der westlichen Avantgarde abgeschnitten gewesen, traf er hier auf Olivier Messiaen und Darius Milhaud. Mindestens ebenso wichtig war jedoch das Studium der „alten Avantgarde“ – Kurtágs nach der Parisreise entstandene Streichquartett, das die bedeutsame Opusnummer 1 erhielt, verdankt Anton Webern viel. Die Einflüsse im Liedschaffen Kurtágs werden im Konzert von Piia Komsi und Prof. Peter Nagy mit Liedern von Schubert, Webern und Kurtág deutlich werden.

Zum Abschluss des kleinen Festivals wird es verspielt: Die Klavierklasse von Prof. Peter Nagy präsentiert am 21.2. Auszüge aus Játékok, wörtlich übersetzt: Spiele. Diese Sammlung von kleinen Klavierstücken entstand ab 1973, ursprünglich als pädagogische „Klavierspiele“ für Kinder. Inzwischen sind acht Bände der Játékok entstanden, die ihren pädagogischen Charakter längst abgeschüttelt haben. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass es noch weitere Bände geben wird. Denn Kurtág ist zwar nicht produktiv, aber auch mit 90 Jahren noch so konzentriert wie eh und je.

Ann-Christine Mecke

 


 

Freitag, 19. Februar 2016

17.45 Uhr, Kammermusiksaal, Musikhochschule Stuttgart

STUTTGARTS ANREIZ DES NICHTS
Von Kurtág vertonte Beckett-Gedichte und ihre deutschen Übersetzungen

Vortrag mit Prof. Dr. Hinrich Hudde (Erlangen)
Eintritt frei

18.30 Uhr Kammermusiksaal, Musikhochschule Stuttgart

STEP BY STEP: KURTÁG UND BECKETT
Vortrag mit Dr. Catherine Laws (York)
Eintritt frei

20.00 KONZERTSAAL, MUSIKHOCHSCHULE STUTTGART
3. LIEDKONZERT: FLÖTENTÖNE

Mit: Otto Katzameier (Bassbariton), Stefan Schreiber (Musikalische Leitung);
Musiker des Staatsorchesters Stuttgart, Studierende der Musikhochschule Stuttgart
Kompositionen von Kurtág und Mozart
12-28 €

Samstag, 20. Februar 2016

20.00 Uhr Konzertsaal, Musikhochschule Stuttgart

LIEDERABEND

GYÖRGY KURTÁG: REQUIEM OP. 26
GYÖRGY KURTÁG: HÁROM RÉGI FELIRAT OP. 25
FRANZ SCHUBERT: AN DIE SONNE (D 439)
ZOLTÁN JENEY: SONGS OF INNOCENCE AND EXPERIENCE
ANTON WEBERN: IDEALE LANDSCHAFT
ANTON WEBERN: BILD DER LIEBE
ANTON WEBERN: NACHTGEBET DER BRAUT
ALEXANDER VON ZEMLINSKY: AHNUNG BEATRICENS
FRANZ SCHUBERT: SEHNSUCHT (D 310)
JOHN CAGE: SOLO FOR VOICE NR. 47Sopran: Piia Komsi, Klavier: Péter Nagy

Sonntag, 21. Februar 2016

11.00 Uhr Kammermusiksaal, Musikhochschule Stuttgart

GYÖRGY KURTÁG: JÁTÉKOK

Klavier-Matinee mit Studierenden der Klavierklasse Prof. Péter Nagy
Eintritt frei

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