Hinter den Kulissen//Übertitel- Korrepetition

Tschechische, italienische, russische, französische, englische und deutsche Opern werden allein in dieser Saison in der Oper Stuttgart gespielt. Selbst in der Muttersprache sind gesungene Texte nicht leicht zu verstehen. Die Übertitel übernehmen einerseits eine Translationsleistung, andererseits ermöglichen sie, die literarische Qualität der Librettos – beispielsweise den Text eines Hugo von Hoffmannstal – nachzuvollziehen. Doch wie kommt dieser Text eigentlich über die Bühne? Wie Dramaturgen die Übertitel erstellen und mit was für einem sprachlichen Fingerspitzengefühl dabei vorgegangen wird kann hier nachgelesen werden. Die konkrete Umsetzung am Vorstellungsabend ist dann Aufgabe des Übertitel-Korrepetitors. In einem Gespräch mit unserer Dramaturgiehospitantin Sonja Heckmann, erzählt Cornelius Feil von seiner Arbeit.

 

Wie lange arbeiten Sie schon in Stuttgart als Übertitel-Korrepetitor?

1994 war die erste Vorstellung, die hier mit Übertiteln gelaufen ist. Das war damals der Wunsch des Regisseurs, Übertitel zu machen, das allererste Mal in Stuttgart.

Wie sind Sie zu dieser Tätigkeit gekommen und was ist Ihr Aufgabenbereich hier im Haus?

Als Statist habe ich an der Oper Stuttgart begonnen und war dann, nach meinem Gesangsstudium, als Sänger im Extrachor tätig. Mein erster Gesangslehrer hatte mir empfohlen, noch was „Gescheites“ zum Singen dazuzulernen. Also habe ich noch Fernseh- und Videotechnik dazu gelernt, was mir bei meiner jetzigen Beschäftigung enorm zu Gute kommt. Denn ich habe die gesamte Übertiteltechnik selbst aufgebaut, die Geräte konfiguriert und teils in Handarbeit selbst hergestellt habe. Der damalige Intendant kannte mich sowohl durch den Gesang, als auch von technischen Arbeiten, die ich manchmal für die Bühne gemacht habe. Eines Tages fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, mich in die neu gekaufte Übertitelungsanlage einzuarbeiten, für die ihm das Personal fehlte.
Ich habe erst gezögert, weil für mich das Arbeitsgefühl, von der Bühne in den Zuschauerraum zu blicken, ein ganz anderes war. Als ich dann mit der Übertitel-Korrepetition begonnen habe, stellte ich fest, dass ich hier oben die musikalische Entwicklung quasi von A bis Z erlebe. Vom ersten Aufschlag des Dirigenten bis zum letzten Takt. Als Bühnendarsteller war ich nur den Teil, für den ich engagiert war präsent. Bei etwa drei Stunden Dauer sind das zwischen zehn und dreißig Minuten auf der Bühne. Jetzt erlebe ich die Stücke richtig und ich gehe hier auch emotional vollkommen mit. Jedes Stück und jeder Abend ist anders und man muss sich an jede Nuance anpassen. Deshalb ist dieser Job unheimlich spannungsreich und ich liebe ihn in der Zwischenzeit so sehr, dass ich mir etwas anderes gar nicht mehr vorstellen kann.

Was gehört zu deinem „Werkzeug“ als Übertitel-Korrepetitor?

Die Übertitel-Kabine ist sehr klein und direkt neben der Königsloge. Aus dem kleinen runden Fenster habe ich einen sehr guten Blick auf die Bühne. Auf meinem Bildschirm in der Kabine sehe ich die Folien mit den Titeln, die eingeblendet werden sollen. Die Präsentation ist bereits vollständig und ich kann die Folien per Knopfdruck einfach alle hintereinander einblenden. Dazu habe ich einen Klavierauszug des jeweiligen Stücks vor mir, in dem die Nummern der Übertitel-Folien notiert sind und den ich während der Vorstellung mitlese.
Manchmal Stücke projiziere ich auf eine Übertiteltafel. Das kommt auf das Material des Untergrunds an. Samt, wie wir ihn beispielsweise am Portal haben, reflektiert nicht, sondern schluckt das Projektionslicht. Vor der Vorstellung muss ich sicherstellen, dass die Tafel vorhanden ist und auf der richtigen Höhe hängt
Zum Einblenden der Übertitel habe ich mehrere Regler mit denen ich die Intensität verändern kann, also Kontrast, Helligkeit und Schärfe, was dann erforderlich ist, wenn sich auf der Bühne die Beleuchtung verändert und die Projektion daran angepasst werden muss. Mit dieser Anpassung spielen die Titel nicht gegen, sondern mit der Musik. Es soll immer so homogen sein, dass der Zuschauer durch den Übertitel nicht herausgerissen wird, sondern dass er ihn als Beiwerk sieht, als Teil des Bühnenbildes.

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Ein ganzes Menü von Übertitel-Klavierauszug hat Cornelius Feil in seinem Schrank. Nach dem Fototermin stand übrigens La Bohème auf dem Speiseplan.

Haben Sie eine bestimmte Technik, wie Sie während der Vorstellung vorgehen?

Die Übertitel sind eigentlich ein Musikinstrument und ich verstehe mich auch wie ein inoffizielles Mitglied des Orchesters. Ich sehe den Dirigenten über einen kleinen Bildschirm und versuche auch seine Nuancen abzunehmen und die Übertitel tatsächlich so zu fahren wie er dirigiert. Die Geschwindigkeit der Einblendung passe ich auch an den Sänger an. Mit speziellen Reglern kann ich die Präsentation manuell gestalten. Das mache ich bei fast jedem Satz, wenn es die Dramatik in der Musik fordert.

In meinem Klavierauszug gibt es auch crescendo- oder decrescendo-Zeichen, die sind in dem Fall nicht für die Musik gedacht, sondern für mich und geben mir in etwa vor, in welchem Maß ich hier ein- oder ausblende, was manchmal sehr lang oder sehr kurz sein kann. Hier kann auch vermerkt sein, mit welcher Intensität etwas projiziert wird.

Sind Sie auch am Prozess der Produktion der Übertitel beteiligt?

Meistens schreiben die Dramaturgen das komplett selbst und ich bekomme es zum Einrichten und kann es noch bearbeiten, z.B. die ästhetische Aufteilung von mehreren Zeilen oder ähnliches. Darüber spreche ich mit dem betreuenden Dramaturg und arbeite die Verbesserungen ein. Ich präsentiere das Ergebnis dann noch einmal in der nächsten Probe.

Wie sieht für Sie der Prozess bis zu den fertigen Übertiteln aus?

Ich mache für die Übertitel im Wesentlichen nur drei große Proben. Das ist einmal die Klavierhauptprobe, die am Stück durchläuft. Dabei sind die Kostüme und das Bühnenbild schon komplett. Dann die Orchesterhauptprobe, die zweite große Probe, und schließlich die Generalprobe, wo alles komplett durchläuft und auch Test-Publikum dabei ist. Das ist auch für mich die letzte Möglichkeit, alles das Timing zu proben – vorher kann ich noch experimentieren.

Welche Probleme können Ihnen bei der Arbeit unterkommen?

Das Risiko bei allen technischen Geräten ist natürlich, dass hier jedes ausfallen kann und ich schnell eine Lösung finden muss, damit es weiter geht. Ich habe mehrere PCs, die zusammengeschaltet sind, damit ich auch während der Vorstellung umschalten könnte, wenn z.B. ein Rechner ausfällt. Wenn aber gar der Projektor aussteigt, ist man geliefert.
Bei der Technik ist es auch so, dass es einen minimalen Zeitverzug gibt, bis das Signal beim Projektor ankommt. Das heißt, ich muss in Wirklichkeit eine Idee früher einsetzen. Ich nehme daher mein Signal vom Atmen des Sängers ab und schaue ganz genau, wo er steht, wie und wann er atmet, und steuere danach mein Signal. Ich hab die Tendenz, eine kleine Nuance, später zu einzufaden. Denn wenn man oben einen Lichtreflex sieht und nichts hört, ist das störend. Problematisch kann es werden, wenn die Leute in der Loge vor meinem Sichtfenster aufstehen, weil zum Beispiel im Stück etwas spektakuläres passiert: dann sehe ich nichts mehr und ich fahre ja fast alles auf Sicht.
Schwierig ist, wenn ein Sänger mal hängt. Ich kann durch meine eigene Gesangsausbildung und Erfahrung dann antizipieren, wo er wieder einsetzt und versuche, die Partie mitzusingen, um das Gefühl dafür zu bekommen, an welcher Stelle er wieder reinkommt. Ich lasse das System dann kurz außer Betrieb und steige dort wieder ein, wo ich mir sicher bin, dass er es auch tut. Meistens deckt sich das sehr genau und im Publikum ist das dann nicht zu merken.

Bekommen Sie Rückmeldungen, wie die Zuschauer auf die Übertitel reagieren?

Je nachdem wie die Kamera für den Dirigenten eingestellt ist, sehe ich auch die mittleren Plätze der ersten Reihen der Zuschauer und manchmal sind die Reaktionen dort sehr interessant. Ich sehe da oft, dass ein Großteil des Publikums auch nach oben zu den Titeln schaut. Für mich ist das eine Bestätigung, dass die Leute mitlesen und die Übertitel nicht nur dort oben dran kleben und keiner sich dafür interessiert.

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Der Wandschmuck im „Übertitel-Cockpit“ erzählt von den vielen Premieren, Regiehandschriften und Klängen, die Cornelius Feil schon begleitet hat.

 

Interview: Sonja Heckmann

Fotos: Johanna Danhauser

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