Maskierte Klarinetten

 

von Johanna Danhauser

„Unter allen Blasinstrumenten ist keines zu finden, das den Ton so gut entstehen, anschwellen, abnehmen und verhallen lassen kann, wie die Klarinette. Daher ihre unschätzbare Eigenschaft, den Fernklang, das Echo, den Widerhall des Echo, oder den Zauber der Dämmerung wiederzugeben.“

Mit vielen weiteren persönlich-gebannten und ebenso ungreifbar-subjektiven Formulierung dieses Stils, suchte Hector Berlioz das Holzblasinstrument in seiner „Instrumentationslehre“ zu beschreiben. Dass sich der französische Komponist in diesem ersten enzyklopädischen Standardwerk für Instrumentationskunde in derart schwelgerischem Ausdruck verliert, löste eine Hörerfahrung von Carl Maria von Webers Freischütz in ihm aus. In unvergleichbaren „Schattierungen“ evozieren hier die Melodien der Klarinettenstimmen doppelbödige Atmosphären und waldig-melancholische Kulissen für theatrale Situationen. Hector Berlioz ward durch den Klarinettenklang auch jenseits der Opernbühne assoziativ bewegt: Gerade in der militärmusikalisch gefärbten Sinfonik im Frankreich seiner Zeit, erklärt er die Klarinette für ein Instrument epischen Charakters.

Während sich vor seinem inneren Auge Bilder erheben „wie sie das Lesen alter Heldengedichte zurücklässt“, entmystifiziert und nivelliert Richard Strauss diese Apotheose. In seiner Bearbeitung der „Instrumentationslehre“ lenkt er ein, dass dieses Instrument – bei einer geschickten kompositorischen Gestaltung über die Klangfarbe hinaus – weit mehr Gefühlsabstufungen herstellen könne als Webers „süße Jungfräulichkeit“. Er selbst installiert eine D-Klarinette als humoristischen Erzähler von Till Eulenspiegels Streichen in seiner gleichnamigen Sinfonischen Dichtung:

eulenspiegel
Richard Strauss: Till Eulenspiegel, N. 83.

Ein Narrator mit schalkhaft-ironischem Unterton, der mit Verzierungen und Verkünstelungen dieser Schelmengeschichte nicht geizt.

Einer Anekdote nach soll Richard Strauss der Sopranistin Berta Morena bei den Uraufführungsproben zu Die Frau ohne Schatten ein wenig charmantes Kompliment ausgesprochen haben, das hinterrücks die empfindsame Ausdruckskraft der Klarinette betont. Auf die Frage der Sängerin, ob sie an einer bestimmten Stelle eher dramatisch oder lyrisch singen solle, antwortete der Komponist: „Wissen Sie, wenn ich gewollt hätte, dass es lyrisch klingt, dann hätte ich es in die Klarinettenstimme geschrieben.“

Nicht nur als Erzähler und als Klangarchitekt wirkt die Klarinette. Sie ist auch eine Schauspielerin mit extremer Wandlungsfähigkeit. Als feiste Katze in Prokofjews Peter und der Wolf neckt sie den Vogel und bei Camille Saint-Sains (Karneval der Tiere) ist sie selbst Federvieh. Der Hahn, der erst gegen Ende der Episode mit einem klarinettösen Kikeriki seine Stimme erhebt, ist über die scharrenden und pickenden Hühner-Geigen erhaben.

Diese Art solistischer Einwürfe demonstrieren, dass sich die Klarinette nicht nur hervorragend als „anschmiegsamer Begleiter für die Singstimme“ eignet, wie Berlioz und viele andere das bemerkten und kompositorisch umsetzten. W. A. Mozart nutzte diese tiefgehende Wirkung beispielsweise in der Orchestrierung seines Terzetts „Soave sia il Vento“ in Così fan tutte auf sanfte Weise aus. In seinem Adagio in B-Dur KV 411 (1785), fächert der Klarinettenpoet dann mit einer Besetzung aus zwei Klarinetten und drei Bassetthörner ein warmes Klangspektrum auf und beweist wiedereinmal, wie viel diese Instrumentenfamilie zu erzählen weiß.

Dieses Stück „familiärer“ Harmonie und weitere Perlen des Klarinettenrepertoires erklingen beim heutigen 3. Kammerkonzert „Klarinetten Glück“ um 19.30 Uhr in der Liederhalle (Mozartsaal).


Infos und Karten

Foto: Sebastian Klein

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