Klangschattengewächse

Bild: Arnold Böcklin, Die Toteninsel, (1880, 1. Fassung), Kunstmuseum Basel

3. Sinfoniekonzert

Simon Hewett dirigiert Rachmaninov

am 17. und 18. Januar

Infos und Karten


Rafael Rennicke über Sergej Rachmaninovs „Toteninsel“

Kaum ein Hauch bewegt die Oberfläche dieser Musik. Doch tönt es fahl aus ihrem Urgrund empor. In dunklem, leerem a-Moll machen Kontrabässe und Celli, eine Harfe und drei Pauken ein Pulsieren hörbar, das wie ein Wiegenlied längst verflossener, unheimlicher Nächte klingt. Ganz leise dies alles, gedämpft und langsam, in einem merkwürdig bebenden, geheimnisvoll schwingenden Fünf-Achtel-Takt von fast hypnotischer Anziehungskraft. Man wähnt eine jener versunkenen Kathedralen am Grunde dieser Musik – wie in Johannes Brahms‘ Vineta oder Claude Debussys Klavierpréludes. Doch zieht uns die Musik in der Folge nicht noch tiefer in ihre Tiefen, sondern in immer vielfältigeren, wachsenden Bewegungen zu einer Insel hin, auf der wenig später dann – nach unruhigen Aufbrüchen, innigem Wehklagen und markerschütternden Bläserfanfaren – die Totenglocken läuten werden.

Blickwechsel: Ein Kahn, besetzt mit einem quer gelagerten Sarg, einer mumienartig in weiße Tücher gehüllten, statuenhaft wirkenden Rückenfigur und einem Fährmann, gleitet auf eine einsame, zypressenbestandene Felseninsel zu, die wie ein erratischer Block aus dem offenen Meer aufragt – „ein Bild zum Träumen“, wie es sich eine junge Witwe aus Rüdesheim am Rhein wünschte, nachdem sie im April 1880 den Schweizer Maler Arnold Böcklin in seinem Florentiner Atelier aufgesucht hatte. Als der Auftrag erfüllt war, schrieb Böcklin der jungen Dame: „Sie werden sich hineinträumen können in die dunkle Welt der Schatten, bis Sie den leisen Hauch zu fühlen glauben, der das Meer kräuselt, bis Sie Scheu haben, die feierliche Stille durch ein lautes Wort zu stören.“

Das Gemälde, das Böcklin mit dem Titel „Die Toteninsel“ versah und zwischen 1880 und 1886 in vier weiteren Fassungen variierte, wurde der Generation des Fin de Siècle zum Inbild einer „Sympathie mit dem Tode“ (Thomas Mann). Seine suggestive Wirkung, mit der es den Betrachter in eine geheimnisvolle Welt zieht und als dunkle Wand zugleich auf Distanz hält, machte auch vor Sergej Rachmaninov nicht Halt, dem eine Schwarzweiß-Kopie des Bildes während eines Paris-Aufenthalts im Mai 1907 in die Hände fiel. Nachdem er zwei Jahre später das Original gesehen hatte – die ob ihrer dezidierten Farbigkeit eher schwach wirkende fünfte Fassung im Kunstmuseum Leipzig –, meinte Rachmaninov, seine Komposition wäre nicht entstanden, hätte er Böcklins Gemälde sogleich in Farbe kennengelernt. So aber hatte er die Leinwand vor dem inneren Auge mit den Klangfarben seiner eigenen Imagination füllen können.

Das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Simon Hewett wird am 17. Januar um 11 Uhr und am 18. Januar um 19.30 Uhr (Liederhalle) Sergej Rachmaninovs „Die Toteninsel. Symphonische Dichtung nach einem Bild von Arnold Böcklin op. 29“ aufführen. Es erklingen außerdem Rachmaninovs „Sinfonische Tänze op. 45“ und das Violinkonzert von Bernd Alois Zimmermann mit Elena Graf als Solistin. Einführung mit Konzertdramaturg Rafael Rennicke jeweils 45 Minuten vor Konzertbeginn.

Herzliche Einladung!


 

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