La Bohème//Mimì – die femme fragile

ein Essay von Franziska Eisele

Auf dem Bild: Pumeza Matshikiza (Mimì)
Foto: A.T. Schaefer

„Ihr Gesicht erschien wie die Skizze zu einem aristokratischen Bildnis; ihre Gesichtszüge waren von einer bewunderungswerten Feinheit … Das Blut der Jugend pulsierte heiß und lebhaft in ihren Adern und färbte mit rosigen Tönen ihre durchsichtige Haut, die weiß und samtweich wie eine Kamelie war. Diese kränkliche Schönheit bezauberte Rodolphe … Was ihn aber fast bist zum Wahnsinn verliebt in Mademoiselle Mimì machte, das waren ihre Hände, die sie sich trotz der Arbeit im Haushalt weißer zu erhalten wusste, als jene der Göttin des Müßigganges.“(1)

Dieses Zitat aus Henri Murgers „La vie de bohème“, das so im Libretto zu Giacomo Puccinis „La Bohème“ auftaucht, ist ein Musterbeispiel dafür, wie Auslassungen den Inhalt verfälschen können. Während in Murgers Romanvorlage Mimì ein „Ausdruck von geradezu brutaler Grausamkeit“ (2) zugeschrieben wird, stilisieren sie Luigi Illica und Giuseppe Giacosa in ihrem Libretto zur perfekten Unschuld. Das entspricht einem literarischen Frauenbild des Fin de siècle: die femme fragile, „eine kindliche junge Frau, perlblass und fast durchsichtig, die müde und angestrengt schaut und eine große Sehnsucht im Herzen trägt […].“(3) Man findet solche Gestalten in der Literatur besonders häufig zwischen 1880 und 1905, bei Bourget, Wilde, Rilke, Hofmannsthal, Schnitzler und vielen anderen.(4)

Das Aussehen der femme fragile ist vor allem von ihrer zarten Blässe geprägt. „Sie erblassen!“(5), ist das erste, was Rodolfo zu Mimì sagt. Später sehnt er sich nach ihrem „Hals aus Schnee“(6). In diesem Ausdruck liegt auch schon ein weiterer Aspekt der femme fragile: die Kälte. Im ersten Bild spricht Rodolfo von Mimìs „gefrorenem Händchen“(7). Selbst das Licht, in das Mimì getaucht wird, ist kalt: Vom Mond beleuchtet – ebenfalls ein häufiges Attribut der femme fragile – sieht Rodolfo sie wie von einem Heiligenschein umgeben.

Grund für Blässe und Kälte ist die Krankheit der femme fragile, am häufigsten die Schwindsucht; so auch bei Mimì. Die Hässlichkeit der Krankheit wird allerdings ausgespart. Stattdessen wird sie zu einem sanften und schönen Sterben stilisiert, zu einer körperlosen Realitätsferne, die dem Seelenkult des Fin de siècle entspricht. Die Sehn-sucht nach dem Seelischen, Unkörperlichen findet man auch in Mimìs Vorstellungsarie, wenn sie von „süßen Zaubereien“, „Träumen“ und „Phantasien“(8) spricht.

Vor dem Hintergrund der eng geschnürten Sexualmoral des ausgehenden
19. Jahrhunderts entstand in der femme fragile das Idealbild einer kindlichen, unschuldigen und keuschen Frau, die allerdings nicht weniger Objekt (unterdrückter) erotischer Begierde war. Rodolfo nennt Mimì mehrfach „Mädchen“(9) und in der im Libretto zitierten Passage aus Murgers Roman steht anstelle des französischen „femme“ (Frau) im Italienischen „bambina“ (Mädchen). Illicas und Giacosas Mimì lebt allein, während sie bei Murger vor Rodolfo einen anderen Liebhaber hat. Zur Messe geht sie zwar nicht immer, aber sie betet viel zu Gott (11), sagt sie über sich selbst.

Ein besonders Attribut der femme fragile sind die Blumen als Zeichen der zarten und vergänglichen Schönheit. Auch Mimì stickt gerne Blumen, wie sie im ersten Bild erklärt. Rodolfo vergleicht sie später mit einer „Treibhausblume, die Armut verblühen lässt“ (12). Das Bild des Treibhausgewächses, das sich ebenfalls häufig in der Literatur im Bezug auf die femme fragile findet, betont die Zerbrechlichkeit noch stärker und fügt eine Künstlichkeit hinzu, die typisch für das Idealbild des Ästhetizismus ist.

Schließlich greift Puccini Mimìs fragilen Charakter auch in seiner Musik auf. Mimìs Motiv strahlt so viel Zerbrechlichkeit wie ihre Figur aus (13). Bei ihrem ersten Auftritt ändert sich die Klangperspektive durch einen Wechsel von den Holzbläsern als stimmführende Instrumente zu den Streichern. Diese Stelle erzeugt eine geradezu „negative Intensität“ und resultiert in einem zarten Klangbild. So überträgt Puccini die literarische Figur der femme fragile auf die musikalische Ebene.


 

Fußnoten

1 Giacosa /Illica/Puccini: S. 11.
2 zitiert nach Groos/Parker, S. 70.
3 Thomalla, S. 13.
4 Diese und die folgenden Ausführungen beruhen auf Thomallas „Die femme fragile“
5 „Impallidisce!“, Giacosa /Illica/Puccini: S. 40.
6 „Collo di neve“, Giacosa /Illica/Puccini: S.140.
7 „gelida manina“, Giacosa /Illica/Puccini: S. 46.
8 „dolce malìa“, „sogni“, „chimere“, Giacosa /Illica/Puccini: S. 50.
9 „bambina”, Giacosa /Illica/Puccini: S. 42. „fanciulla”, S. 52.
10 Vgl. Groos/Parker, S.70.
11 „Non vado sempre a messe/ ma prego assai il Signor”, Giacosa /Illica/Puccini: S. 50. 12 „Mimì di serra è fiore. Povertà l’ha sfiorata.”, Giacosa /Illica/Puccini: S. 126.
13 Vgl. Groos/Parker, S. 95.
14 Schreiber, S. 346.

 


 

Giuseppe Giacosa, Luigi Illica, Gicomo Puccini: La Bohème. Leipzig 1981.
Arthur Groos, Roger Parker: Giaccomo Puccini, La bohème. Cambridge 1986.
Ulrich Schreiber: Opernführer für Fortgeschrittene, Band 2 (Das 19. Jahrhundert). Kassel 1991.
Ariane Thomalla: Die „femme fragile”. Ein literarischer Frauentypus der Jahrhundert-wende (=Literatur in der Gesellschaft, Band 15). Düsseldorf 1972.

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