Freischütz//Nationaloper ohne Nation

Auf dem Bild: Mark Munkittrick (Kaspar), Matthias Klink (Max), Karl-Friedrich Dürr (Kuno), Catriona Smith (Agathe), Lauryna Bendziunaite (Ännchen) | Premierenbesetzung aus der Spielzeit 2013/14
Foto: A.T. Schaefer

von Christine Stein

Nur wenige Jahre nach dem Zusammenschluss deutschsprachiger Staaten zum Deutschen Bund (1815) feierte Carl Maria von Webers Oper Der Freischütz im Jahr 1821 ihre erfolgreiche Uraufführung in Berlin. Der Freischütz wurde zur „deutschen Nationaloper par excelence“[1]. Aber was ist so „deutsch“ an Webers Werk, welche deutschen Merkmale machen es zum Stolz einer Nation, die damals noch gar keine war?

Während sich in Italien und Frankreich schon typische Merkmale und somit eine nationale Operntradition herausgebildet hatten, begann zu Webers Zeiten erst die Entwicklung der „deutschen Oper“. Daher lassen sich im Freischütz auch leicht Gemeinsamkeiten mit der französischen Oper oder der italienischen finden. Auffällig ist die Ähnlichkeit zur Opéra comique, beispielsweise in dem Interesse für ethnische Koloriten sowie in den gattungstypischen, gesprochenen Dialogen[2]. Der Gewittermusik in der Wolfsschlucht wird ein französischer Ursprung zugeschrieben, jedoch ist die Funktion dieser Musik innerhalb Webers Oper neuartig: Sie spiegelt nicht die Gefühle einer Figur wieder, sondern ist ein Zeichen der Natur, welche in dieser Oper selbst eine tragende Rolle spielt.

Der italienischen Oper entlehnt ist die E-Dur Arie der Agathe (Szene: Wie nahte mir der Schlummer und Arie: Leise, leise, fromme Weise), für welche die italienische Scena ed Aria-Form zweifellos als Vorlage diente. Doch wenn Weber auch auf die zeitgenössische, italienische Arienform (Recitativo, Cantabile, Cabaletta) zurückgriff, so formte er sie aber nach einer anderen Ästhetik. In Webers Musik sind wenige Verzierungen wie Koloraturen oder Triller zu finden; er verzichtete im Vergleich zu Rossini weitgehend auf Ziergesang, da er der „deutschen Romantik“ entsprechend der Ästhetik des Natürlichen folgte. Weiterhin sind im Freischütz vermehrt Lieder in Strophenform beziehungsweise Anklänge von Volksliedern zu finden, die von einem Bemühen der Integration von Volksmusik in die Kunstmusik zeugt.

Gegen die Bezeichnung als „Nationaloper“ spricht auf jeden Fall die Tatsache, dass es zu Webers Zeit noch gar keine deutsche Nation gab, sondern lediglich den Deutschen Bund, der aus einzelnen deutschsprachigen Staaten bestand. Daher gab es zu dieser Zeit auch kein einheitliches deutsches Nationalgut geschweige denn ein nationales Kulturgut. Der deutsche Text des Librettos und die Verortung der Handlung im böhmischen Wald (damals geographisch gesehen Teil des Deutschen Bundes, heute aber Region der Tschechischen Republik) allein, reichen nicht aus, um als Nationaloper zu gelten. Man könnte sagen, die Verehrung als Nationaloper geht der Bildung der Nation voraus.

Wolfgang Wagner schreibt in seinen Weber-Studien, dass für viele Zeitgenossen Webers das typisch Deutsche im romantischen Charakter der Oper liege, da man den Deutschen eine besondere Affinität zum Metaphysischen und Fantastischen zuschrieb – dies entsprach nach W. Wagner auch dem Selbstbild der Deutschen.[3] „Typisch deutsch“ soll auch der Wald sein, dem in Webers Oper eine besondere Bedeutung zugemessen wird. Der Wald vereinigt im Freischütz Gut und Böse; er ist einerseits Teil der Natur und daher von Gott geschaffen, andererseits ist er der Ort (Wolfsschlucht), an dem der Packt mit dem Teuflischen (Samiel) geschlossen wird, wenn Kaspar und Max die Freikugeln gießen. Weiter erklärt W. Wagner die Verbindung der Deutschen zum Wald damit, dass zu jener Zeit die Vorstellung herrschte, dass die Landschaft den Charakter des Volks prägen würde. Und der Wald sei das Bild der „typisch deutschen“ Landschaft.[4]

Es scheint, als ob das, was für Weber und seine Zeitgenossen deutsche Merkmale waren, eher aus einem Bedürfnis nach Nationalbewusstsein und Zugehörigkeit entstanden ist. Es handelt sich weniger um typisch deutsche Kennzeichen, sondern eher um Eigenheiten, die (zu dieser Zeit) als „deutsch“ empfunden wurden. Der Wunsch nach einem nationalen Kulturgut zeigt aber vor allem die politische Stimmung dieser Zeit. Bereits kurz nach den Befreiungskriegen gab es Forderungen nach einer Wiedereinführung des deutschen Kaisertums; auf der einen Seite sicherlich aus Vertrauen in das bewährte System, auf der anderen Seite wegen des Wunschs nach politischer Einheit, welche sich 1871 mit der Gründung des Deutschen Reichs annähernd erfüllt. Mit dem Bedürfnis nach politischer Einheit einhergehend war der Wunsch, sich vor allem von der italienischen Oper, die den deutschsprachigen Raum besonders beeinflusst hatte, abzugrenzen.

Vieles was man in dieser Zeit als deutsches Merkmal begriffen hat, ist eigentlich eher Webers Individualstil zuzuschreiben, aus welchem sich später aber ein Nationalstil entwickelt hat. Man kann aber insofern vom Freischütz als Nationaloper sprechen, nicht weil Weber darin deutsche Stilmerkmale vereint hat, sondern weil er damit Merkmale der deutschen Oper begründet hat. Und schließlich war es der Erfolg und die Popularität, die dazu führten, dass eben diese Oper (und nicht die eines anderen deutschen Komponisten) mit dem Titel der „deutschen Nationaloper“ ausgezeichnet wurde.

Quellen:
[1] Elisabeth Schmierer (Hrsg.): Lexikon der Oper. Laaber Verlag. Laaber 2002. S.564.[2] Ulrich Schreiber: Carl Maria von Weber, in: Opernführer für Fortgeschrittene. Eine Geschichte des Musiktheaters. Das 19. Jahrhundert; Bärenreiter Verlag, Kassel 1991, S.90, 95.[3] Wolfgang Michael Wagner: Der Freischütz – ein deutsches Libretto, in: Weber-Studien. Carl Maria von Weber und die deutsche Nationaloper; B. Schott’s Söhne, Mainz 1994, S.79-81.[4]Wolfgang Michael Wagner: Die Musik des Freischütz – deutsche Musik, in: Weber-Studien. Carl Maria von Weber und die deutsche Nationaloper; B. Schott’s Söhne, Mainz 1994, S.97-99.

 

Christine Stein war in der Spielzeit 2011/12 im Rahmen eines FSJ-Kultur in der Dramaturgie der Semperoper Dresden beschäftigt. Neben ihrem Studium der Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig hospitierte sie an der Komischen Oper Berlin und der Schaubühne Lindenfels. Musikdramaturgische Praxis zeigte Christine Stein bei den Projekten „Aci, Galathea e Polifemo“ (Opernprojekt im Gohliser Schlösschen in Leipzig), „Dresdner Anatomie“ einer Kooperation der HfBK Dresden, der HfM Dresden und der HMT Leipzig, sowie bei dem Jubiläumskonzert zu Mendelssohns Todestag im Leipziger Gewandhaus. Christine Stein war 2014 Stipendiatin des Mannheimer Mozartsommers.