Freischütz//Im Zwielicht der Romantik

Auf dem Bild: Lauryna Bendziunaite (Ännchen)
Foto: A.T. Schaefer

Essay von Johanna Danhauser

„Ist nicht die Musik die geheimnisvolle Sprache eines fernen Geisterreichs, deren wunderbare Akzente in unserm Innern widerklingen und ein höheres, intensives Leben erwecken?, schreibt der Dichter und Komponist E.T.A. Hoffmann 1813 in seiner dialogischen Erzählung „Der Dichter und der Komponist“. In diesem Werk formuliert er seine Vision von einer wahrhaften Oper, die nur im Reich der Romantik zu Hause sein könne: Die Musik solle nach dem Überirdischen streben, aber nicht gänzlich die Grenzen der Wirklichkeit verlassen. Carl Maria von Weber betitelte Der Freischütz sieben Jahre später als „Romantische Oper“ und lehnt sich formal und inhaltlich an Hoffmanns Forderung an. Die Musik und das Libretto von Friedrich Kind erzeugen Spannungsfelder durch eine doppeldeutige Symbolsprache, die auch in der literarischen Romantik auftritt. Der volkstümliche Charakter verleiht dem Werk eine Bodenhaftung, die von der musikalischen Stimmung immer wieder auf eine transzendent-geisterhafte Ebene gehoben wird.

Die Handlung spielt im ländlichen Milieu des Böhmerwalds, der bis 1938 zum deutschen Raum zählte. Dieser Wald ist mehr als nur ein Schauplatz des fröhlichen Jagdvergnügens oder ein Idealbild vom Lebens im Einklang mit der Natur: Weber lässt ihn bereits in der Ouvertüre als eine Macht mit Eigenleben auferstehen, die des nachts das Dämonische beherbergt und schwarze Magie möglich macht. Auch die Nacht selbst wird, ebenso wie der Mond, als ein mehrdeutiges Zeichen ausgedeutet. Schönheit, Dunkelheit und Gruseleffekt wohnen den Symbolen gleichermaßen inne und nehmen Einfluss auf die musikalische Stimmung. Auch in der Innerlichkeit von Figuren treten Konflikte auf: Beispielsweise schlägt Agathes frommer Glauben, deutlich in der Gesangsstelle „[…]Für mich auch wird der Vater sorgen, dem kindlich Herz und Sinn vertraut[…]“ , beim Erkennen der Totenkrone anstelle eines Jungfernkranzes in Aberglaube über.

Neben den seelischen und symbolischen Extremen verhandelt der Stoff auch einen politischen Konflikt: Das Kräftemessen zwischen sozialer Hierarchie und religiös-moralischer Hierarchie. Die soziale Rangordnung übt auf den Antihelden Max, der die Tochter des sozial höher gestellten Kuno heiraten will, Leistungsdruck aus. Am oberen Ende der religiös-moralischen Hierarchie stehen der Eremit und Agathe, während die Figuren Samiel und Kaspar als böse abgewertet werden. Letztendlich siegt die Moral indem der Eremit den Fürsten Ottokar, Repräsentant der Monarchie, umstimmt und so das Happy End herbeiführt.

In der musiktheoretischen Literatur wird Der Freischütz häufig in Zusammenhang mit dem Singspiel gebracht. Diese Einordnung, angelehnt an die Merkmale der französischen opéra comique, ist eine unzureichende Vereinfachung der formalen Komplexität der Oper. Vielmehr arrangiert Weber ein gattungsübergreifendes Gesamtwerk. Tanz, Musik und Sprache stehen gleichberechtigt nebeneinander und sind durch spezifische Bedeutungen dramaturgisch verbunden. Die Instrumentalmusik ist stark atmosphärisch aufgeladen. Weber arbeitet bereits mit einer spezifischen Motivsprache, auf die sich Richard Wagner später berufen wird. Bereits in der Ouvertüre stellt er der heimeligen Agathe-Welt in C-Dur Samiels unheimliche Welt in c-Moll entgegen. In der Wolfsschlucht wird Max der bis dato mit der Tonart Es-Dur verbunden war von der Tonart des Bösen umhüllt.

Die Tänze und Ensemblelieder greifen den Effekt des Schlichten und Volkstümlichen auf, sind aber wesentlich artifizieller ausgearbeitet. Formale Brüche im trauten Liedgut, lassen das Unheimliche eindringen und erzählen schemenhaft von den psychischen Krisen der Figuren. Vor allem der Zweifel an der scheinbar diametral aufgeteilten Welt in „gut“ und „böse“, sowie die Selbstzuordnung in einer solchen, scheint sie zu verfolgen.

Caspar David Friedrichs (1774 – 1840) auf die romantische Malerei bezogene Maxime, „der Maler solle nicht nur malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht. Sehe er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht“ , lässt sich somit auch auf Webers kompositorisches Handwerk übertragen. Dieses bringt Zwischentöne zum klingen, die das Überirdische und „Nicht-Greifbare“ als essentielles Element an die Handlung binden.

Nächste Vorstellungen DER FREISCHÜTZ  am 11.12. und 30.12.

Johanna Danhauser studierte Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Vor und während des Studiums hospitierte und assistierte Sie im Bereich Dramaturgie und Öffentlichkeitsarbeit unter anderem an der Deutschen Oper Berlin und dem Staatstheater Nürnberg, sowie der Süddeutschen Zeitung. Insbesondere die Regiearbeit von David Alden, Christian Spuck, Klaus Kusenberg und Irina Pauls konnte sie intensiv begleiten. Neben diverser eigener studentischer Musiktheater- und Konzertprojekte war sie Stipendiatin im NextGeneration-Programm der ASSITEJ. Auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig präsentiert Johanna Danhauser das TING-Sortiment des Tessloff Verlags. Seit der Spielzeit 2015/16 ist Johanna Danhauser Dramaturgieassistentin an der Oper Stuttgart.