Kritik am Schnörkel – Mozart, Lachenmann und Beethoven

Was in der Jupiter-Symphonie, freilich nicht nur dort, als durchgehende Triolenschleifer auf die Unisonoschläge des Anfangs wie imitierte Trommelwirbel den ›majestätischen‹ Charakter mitprägt, wird zu Beginn des Trauermarschs aus Beethovens Eroica in den Bässen jämmerlich verformt, verschmiert, verkürzt, verlängert, gar umgedreht und abwärts gewendet, kurz: Es wird permutiert, der Schnörkel wird uns von allen Seiten unter die Nase gehalten. Wir spüren genau, wie hier ein vorgegebenes Potential der Feierlichkeit zerstört wird, weil der Komponist damit selbstvergessen arbeitet, und wie sich Feierlichkeit im so
gereinigten Raum erneut sammelt, sich in Größe des Ausdrucks verwandelt. Musik als Körpersprache des souveränen Geistes im Umgang mit dem ständig falsch werdenden, schlecht oxydierenden vorgefundenen Affekt-Vokabular, dieses so auf innovatorische und beredte Weise reinigend.

Helmut Lachenmann

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Wie Helmut Lachenmann das Vertraute verformt, um es für uns neu erfahrbar zu machen, wandte sich schon Ludwig van Beethoven von den Gewohnheiten des Hörens und der Hörer ab, um das Vertraute als plötzlich wieder unbekannte klingende Welt und existenzielle Erfahrung wahrnehmbar zu machen. Der Beginn von Mozarts Jupitersinfonie (oben) und dessen bis dahin verborgen gebliebene Kehrseite in den Kontrabässen der »Marcia funebre« der Eroica (unten).

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Sylvain Cambreling dirigiert Beethoven und Lachenmann – 2. Sinfoniekonzert – 6. und 7. Dezember – Liederhalle