Lachenmann trifft Beethoven

Ich möchte – ehrgeizig genug – tatsächlich ein neues Hören, wobei ich auf den Begriff ‚neu‘ auch verzichten könnte. Ich möchte das ‚wachgewordene‘ Hören. Wo das gelingt, ist plötzlich alles, gerade auch das Vertraute, neu und neu erfahrbar. Mich interessiert Kunst, auch die vergangener Epochen, in erster Linie als solche Herausforderung.
Beethovens Eroica ist eben nicht nur ein Edelstein in unserer Preziosensammlung, sondern auch eine unglaubliche und immer wieder neu zu entdeckende Landschaft voller Überraschungen, die – ohne dass der Komponist dies bewusst hätte ansteuern können – ein Licht auf das wirft, was mich in meiner jetzigen Situation bewegt.

Helmut Lachenmann

Im 2. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart am 6. und 7. Dezember, das den Abschluss der Stuttgarter „Lachenmann-Perspektiven“ bildet, kommt es zur spannenden Begegnung der Musik von Helmut Lachenmann und Ludwig van Beethoven. Was macht diese Konstellation so reizvoll? Wohl die Musik von Helmut Lachenmann, die uns auch die Ohren für die Musik des großen Wiener Klassikers auf neue Weise öffnet!
Helmut Lachenmann hat unsere Gehörnerven nie nur schonen, sondern immer auch sensibilisieren wollen für eine neue, eine veränderte Wahrnehmung des  Vertrauten. Das Vertraute wird in Lachenmanns Kompositionen nicht unter Denkmalschutz gestellt, sondern vielmehr angetastet, abgetastet und damit einem Härtetest unterzogen: Was hören wir, wenn das Vertraute plötzlich als Verborgenes – oder gar als durch unsere Gewohnheit Verbogenes – erscheint? Wieviel Unerhörtes steckt im vermeintlich Bekannten? Lachenmann lehrt uns mit seiner Musik, das Vertraute noch einmal als etwas Neues, als plötzlich wieder unbekannte klingende Welt wahrzunehmen. Wir hören das unbekannt gewordene Bekannte dann wie mit neuen Ohren. Und es ist kein Zufall, dass Helmut Lachenmann sein Ideal eines solchen veränderten, „wachgewordenen Hörens“ ausgerechnet am Beispiel der Eroica verdeutlicht hat – jenes Werks, das zu den meistgespielten des Kernrepertoires der Sinfonieorchester gehört und zu einem so guten Bekannten der Klassikliebhaber geworden ist, dass wir vielleicht gar nicht mehr genau hinhören auf diese Musik, sondern uns daran gewöhnt haben, zu ihr dazuzugehören. Hiergegen opponiert Lachenmanns Musik. Mit seiner „Tanzsuite mit Deutschlandlied“ im Ohr – einem Werk, mit dem uns Lachenmann auf die Sprünge hilft, die von ihm angeprangerte „Unfreiheit des öffentlich vorgeprägten Hörens“ zu überwinden – klingt Beethovens Musik tatsächlich wie terra incognita: als eine Landschaft voller Überraschungen.

von Rafael Rennicke

Karten für das 2. Sinfoniekonzert Sylvain Cambreling dirigiert Lachenmann und Beethoven.

Foto: Marco Borggreve