LACHENMANN-PERSPEKTIVEN oder: Das Abenteuer, mit Augenohren zu hören

© Foto: Emilio Pomárico | Bildbearbeitung: palmer projekt

von Rafael Rennicke

Ein Klingen, als blitzte es weit hinten am Horizont. Entzündete Stille. Wind kommt auf. Leises Donnern. Ein Rascheln unter unseren Füßen. Wo sind wir? Die Musik Helmut Lachenmanns liegt erst wie eine Klanglandschaft vor uns. Wir hören nicht zu. Wir hören auf. Hören hin. Beobachten, was da klingt und schwingt, zischt und braust, zittert und knistert, kommt und geht. Wir hören wie mit Augenohren. Im Beobachten der Klänge vollziehen wir sie nach, erhören wir sie uns, tasten sie ab: das Kalte und Warme, Weiche und Schroffe ihrer Oberflächen, das Scharfkantige ihrer Krater und Wellige ihrer Hügel. Sandkornfeines liegt in ihren Ritzen, Eisiges an ihren Rändern. Und indem wir sie so abtasten und zu begreifen versuchen, werden wir von den Klängen selbst abgetastet. Wir beobachten sie und beobachten zugleich uns selbst. Was hören wir? Wie hören wir? Wer sind wir?

Es ist dies vielleicht eine der größten Errungenschaften dieser Musik, die wie ein meteorologischer Zustand auf uns wirkt und deren Klänge Naturerscheinungen gleichen: Dass sie uns Zuhörer zu Hörern macht. Zu Beobachtern, die wir uns den Klangereignissen vor uns, hinter und neben uns stellen. Die Musik von Helmut Lachenmann befreit das Hören aus dem lauschigen Dazugehören, befreit es aus den lieblichen Wohnungen der Konvention und des Rituals, in denen wir es uns gemütlich eingerichtet haben. Dieser Musik gehören wir erst einmal nicht zu. Sie klingt nicht zuallererst durch uns hindurch (personare), sondern fordert uns auf, sie zu beobachten und zu durchschauen (perspicere). Unsere Stellung zu ihr, unsere Perspektive auf sie, macht uns erst zu Hörenden dieser Musik.

Zu sehen, wie Musik geschieht, wie ihr der Musiker zur Realisation und Konkretion verhilft, ist gewiss eine der besonderen Erfahrungen für den Hörer von Lachenmanns Musik. Doch sind es, jenseits dieser äußerlichen Sichtbarkeit, eben gerade auch die hörbaren Erscheinungen, die klangräumlichen Faszinationen dieser Musik, die uns dazu anhalten, mit den Ohren zu schauen. Ein klanglandschaftliches Hörabenteuer ist das Orchesterwerk Ausklang darum nicht weniger als etwa Richard Strauss‘ Alpensinfonie, wenn es auch nicht als naturalistisch gemaltes Bergpanorama, sondern als unvertraute Kraterlandschaft erscheint, deren musikalische Gestalt aus der kontinuierlichen Metamorphose klanglicher Abbauprozesse resultiert. Das Unerhörte verdankt sich hier, wie in vielen anderen Werken Lachenmanns, zuallererst der Perspektive des Komponisten, genauer: einer Art perspektivischen Auffächerung, ja Isolation der Bestandteile von Klängen: einer Nahaufnahme, bei der sich die Weite der Landschaft zum konzentrierten Ausschnitt verdichtet und die Sicht umschlägt in eine Situation. Derart unter ein Vergrößerungsglas gerückt, erscheint nichts mehr, wie es einmal war. Statisches wird lebendig, Kleinstes ins Riesenhafte vergrößert, ein Sandkorn zum Steinbruch, ein Atemholen zum Orkan. Diese faszinierende, nicht selten auch ungemütliche Nahperspektive fördert ungeahnte Dimensionen klanglicher und geräuschhafter Sinnlichkeit zutage, bei der das Vertraute zwar unverfremdet, doch bis zur Unkenntlichkeit entfremdet erscheint.

Mit seinem Hineinhorchen in das Innenleben der Klänge und das Sichtbarmachen ihrer Anatomie öffnet Helmut Lachenmann auch uns Hörern Ohren und Augen. So, wie er in seiner Musik an den Klang heranrückt und ihn geradezu anschaut mit dem Gehör, wie er ihn betastet, befühlt und sanft entfaltet, um ihn dann wieder zusammenzusetzen, so gewinnen auch wir Hörer ein Gefühl für die Kostbarkeit und Zerbrechlichkeit, die Schönheit und Ausgesetztheit des Klanges und seiner sublimen Übergänge ins Geräusch. Und wir werden feststellen, wie das Unbekannte, Unvertraute mit einem Mal in unserem eigenen Innern zu resonieren beginnt. Wir gleichen dann jenem Wanderer aus Lachenmanns Schlüsselwerk „… zwei Gefühle …“ , der vor eine Höhle gerät und beim Blick ins Offene, Dunkle, Unbekannte gleichermaßen Furcht und Verlangen empfindet: „Furcht vor der drohenden Dunkelheit der Höhle, Verlangen aber, mit eigenen Augen zu sehen, was darin an Wunderbarem sein möchte.“

Helmut Lachenmanns Musik lädt uns dazu ein, mit eigenen Augen, mit eigenen Ohren den Blick in die Höhle zu richten. Und wir müssen uns der tausendundeinen Assoziationen, die dabei erwachen, nicht erwehren. Unsere inneren Bilder und Empfindungen lenken uns nicht ab, sind vielmehr mit unserem Beobachten untrennbar verbunden und verleihen unserem Hören gar eine besondere Intensität. So staunen wir dank Lachenmanns Musik über uns selbst. Staunen über unsere Neugier und über unsere Fähigkeit zum hellhörigen Erleben dieser ungewohnten Kunst.

 

LACHENMANN-PERSPEKTIVEN

Am 6. und 7. Dezember dirigiert Sylvain Cambreling Lachenmann und Beethoven