Fragment einer Sprache der … Abwesenheit

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Der Andere ist im Zustand immerwährenden Aufbruchs, im Zustande der Reise; er ist, seiner Bestimmung nach, Wanderer, Flüchtiger; ich, der ich liebe, bin meiner umgekehrten Bestimmung nach sesshaft, unbeweglich, verfügbar, in Erwartung, an Ort und Stelle gebannt, nicht abgeholt wie ein Paket in einem verlassenen Bahnhofswinkel. Die Abwesenheit des Liebenden geht nur in eine Richtung und lässt sich nur aus der position dessen aussprechen, der dableibt – nicht von dem, der aufbricht: das immer gegenwärtige ich konstituiert sich nur angesichts eines unaufhörlich abwesenden du.

[…] Manchmal gelingt es mir, die Abwesenheit leidlich zu ertragen. Ich bin dann „normal“; ich richte mich nach der Art und Weise, wie „jedermann“ die Trennung von einer „teuren Person“ erträgt; ich unterwerfe mich sachkundig der Dressur, mittels deren man mich sehr früh an die Abwesenheit der Mutter gewöhnt hat – was gleichwohl anfangs nicht aufhörte schmerzlich zu sein (um nicht zu sagen: beängstigend). […]

Diese leidlich ertragene Abwesenheit ist nichts anderes als das Vergessen. Ich bin gelegentlich untreu. Das ist die Bedingung meines Überlebens; denn wenn ich nicht vergäße, stürbe ich. Der Liebende, der nicht manchmal vergisst, stirbt an Maßlosigkeit, Ermattung und Gedächtnisüberreizung (wie Werther). […]

Die Abwesenheit dauert an, ich muß sie ertragen. Also manipuliere ich sie: ich verwandle die Verzerrung der Zeit in ein Hin und Her […]. Die Abwesenheit wird zur aktiven Praxis, zu Geschäftigkeit (die mich hindert, irgend etwas anderes zu tun); es kommt zur Ausarbeitung einer Fiktion mit vielfältigen Rollen (Zweifeln, Vorwürfen, Anwandlungen von Begierde und Melancholie). Diese sprachliche Inszenierung hält den Tod des Anderen fern […]. Die Abwesenheit manipulieren heißt diesen Augenblick verlängern, den Moment, da der Andere aus der Abwesenheit kurzerhand in den Tod stürzen könnte, so lange wie möglich hinauszögern.

Aus: Roland Barthes Fragmente einer Sprache der Liebe. Übersetzt von Hans-Horst Henschen, Frankfurt am Main 1988, S. 28-30.


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