Sehr groß befundene Schwachheit

Keine zwei Jahre nach der Venezianischen Uraufführung 1699 hatte Apostolo Zenos Lucio Vero schon die Hamburger Oper am Gänsemarkt erreicht. Und 1710 wurde in der Elbestadt bereits eine zweite Fassung präsentiert, Berenice und Lucilla oder Das Tugendhaffte Lieben, diesmal in einer Übersetzung von Johann Osiander und mit der Musik von Christoph Graupner.

Johann Osiander
Johann Osiander

Während die Arien auf Italienisch gesungen wurden, schrieb Osiander eine schöne deutsche Nachdichtung von Zenos Rezitativen. Diese Fassung wurde 1712 in Darmstadt nachgespielt, das Darmstädter Libretto ist erhalten. Hier ein kleiner Auszug, der erzählt, wie es Vologeso nach seiner Niederlage gegen die Römer erging:

Erster [sic!] Handlung, Eilffter Auftritt [= entspricht Zenos Atto primo, Scena XI]
BERENICE
UND VOLOGESUS

VOLOGESUS
Ich leb und bin noch dein!
Geliebte Seele!
Nach eines Jahres Pein,
nach tausend Ach und Tränen
gönnt mir das Schicksal da zu sein
wohin ich mich so lang vergebens musste sehnen.

BERENICE
Du warest tot in aller Mund!
Geliebter, mache mir doch deine Zufäll kund.

VOLOGESUS
Den Tag, den unbeglückten Tag,
da Asien durch Rom in seinem Blute lag,
und Asiens Glück musst’ dessen Hochmut weichen,
lag mein verwund’ter Leib bei meiner Parther Leichen,
bis der getreuen Diener Schar
mich von der roten Walstatt [Schlachtfeld] brachte.
Doch weil der matte Körper schmachte,
der Adern Brunn’ fast trocken war,
so stellte Fama mich als schon verblichen dar.
Ich hatte auch viel Tod’sgefahr,
und meine Schwachheit war sehr groß befunden,
bis sie Natur und Kunst doch endlich überwunden.
Kaum aber war mein Leib gesund,
so kam bei uns der Ruf von deiner Sklav’schaft an.
Da hätte was der Stahl nicht kunt
der Seelen Jammer fast getan:
Dein schmerzlicher Verlust
beklemmte meine Brust
mehr als das ganze Land
und was ich sonst verloren fand
doch nichts so sehr als das Geschrei von deinem Unbestand.
Mein höchst betrübtes Herz konnt’ nichts in seinen Klagen
als von des Kaisers Lieb und dessen Ursach sagen.

BERENICE
Wie übel hast du doch mein treues Herz erkannt!

aus: Berenice und Lucilla oder Das Tugendhaffte Lieben (1710/12)
Osiander und Graupner, Hamburg/Darmstadt, siehe das vollständige Libretto.