Dramatischer Kampf eines Librettisten mit einem Löwen

LöwenportraitAm 29. April 1741 hob sich im Opernhaus der norditalienischen Stadt Reggio Emilia der Vorhang zu einer Neuinszenierung von Vologeso, König der Parther. Die Musik hatte Pietro Pulli komponiert (1710-1759). Aber auch der Name des Literaten, der den Text – nach Apostolo Zenos Lucio Vero-Libretto – für die Aufführung eingerichtet hatte, ist uns ausnahmsweise bekannt: Guido Eustachio Luccarelli. Dieser Luccarelli hat seine Intentionen nämlich in einem ausführlichen Rechtfertigungsbericht zusammengefasst, mit dem er auf die offenbar harsche Kritik an seiner Textfassung reagierte. Wir übersetzen eine für uns Nachgeborene durchaus vergnügliche Passage aus diesem seltenen, von der Forschung bisher nicht berücksichtigten Einblick in die damalige Theaterpraxis:

„Die Szene im Amphitheater stammt vom ursprünglichen Autoren des Dramas [Apostolo Zeno]; und wo auch immer dieses Drama in der Folge aufgeführt wurde und wie auch immer es andernorts verändert wurde: Diese Szene ist bis heute stets der ursprünglichen Form getreu dargestellt worden. Der erste, der sie pietätlos und barbarisch verstümmelt hat, bin ich. Mir schaudert vor mir selbst beim bloßen Gedanken an diese grässliche Missetat! Habe ich das Drama wirklich derart geschändet, als ich annahm, wie ein guter Chirurg zu handeln, der es für richtig hält, ein Glied abzuschneiden um ein anderes zu retten? Lasst uns den Fall untersuchen, ob es wirklich die Notwendigkeit war, die diese Amputation nahelegte; und anschließend die Durchführung der Operation begutachten.

Einige unter uns menschlicheren Zeitgenossen sind zu schwach, um ohne Abscheu gewisse Spektakel von Menschen und Bestien zu ertragen. Diese beinhalten zu viel Grässliches. Zudem ist dieses Grässliche äußerst schwer darzustellen, woraus oft zahlreiche Unstimmigkeiten erwachsen, die eine solche Szene dann im allgemeinen Gelächter untergehen lassen. Dennoch hielt ich sie für eine populäre Sache, und im Vertrauen auf die Gewandtheit desjenigen, der für die Rolle des Vologeso ausersehen war, entschloss ich mich, dem Volk die Freude am Löwenspiel in der Arena zu gönnen

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Hier das Titelblatt der 169-Seiten starken Verteidigungsschrift des Kanonikus G. E. Luccarelli wider die – wie es heisst – „beissende Kritik“ an seiner Überarbeitung des Vologeso-Librettos 1741 in Modena.

Am Abend des 28. April, dem Vorabend der Premiere, fand die Generalprobe statt. Diese war zugleich die erste Bühnenprobe, da die benötigten Einrichtungen zuvor noch nicht bereit gewesen waren. In dieser Szene kam es zu einem Desaster, welches im Angesicht der fehlenden Zeit zu einem einzigen Ausweg nötigte: nämlich die Szene im Amphitheater gänzlich zu streichen.

Am folgenden Premierenabend war im Theater hie und da ein Murren zu hören, da man die Szene im Amphitheater vermisste. Dabei verlieh man der Enttäuschung sehr unterschiedlichen Ausdruck. Die Gemäßigteren wünschten die Wiederherstellung der Szene, da sie für den logischen Ablauf des Geschehens notwendig sei. Ungeachtet dessen erfuhr das übrige Drama jedoch eine so positive Aufnahme, dass das Fehlen des Amphitheaters in keiner Weise dem Zulauf und dem Beifall schadete, dessen sich dieses Opernhaus stets erfreut hat. Viele rieten daher vorsichtig davon ab, die Szene im Amphitheater in einer passenderen Überarbeitung wieder einzufügen. Sie befürchteten, den Erfolg aufs Spiel zu setzen, dessen sich das Drama auch ohne jene Szene erfreute. Doch der Wunsch nach ihr war so lebhaft, dass man sich entschied, sie doch wieder zu spielen. Aber das Amphitheater konnte nur eine kurze Dekoration sein, da ihr eine lange Dekoration sowohl vorausgeht als auch folgt. Hauptsächlich deswegen waren in der Generalprobe die Bewegungen, der Mechanismus und die Ausstaffierung des Löwen so missglückt erschienen, da er sich zu nah vor den Augen der Zuschauer befand. Man einigte sich auf den Kompromiss, den Löwen nicht aus seinem Käfig herauszulassen und ihn so auf Distanz zum Zuschauer zu halten, wodurch ein direkter Kampf mit Vologeso natürlich nicht mehr möglich war.

Die Szene erhielt berechtigten Beifall. Trotzdem wurde die Erwartung einiger Zuschauer enttäuscht, die den Löwen nicht in Aktion erlebten. Sie hatten das Gefühl, um eine schöne Sache gebracht zu werden. Vermutlich wären sie die ersten gewesen, die den Versuch, den dramatischen Kampf wirklich zu zeigen, als abgeschmackt empfunden hätten.“

(Aus: Del Dramma per musica intitolato „Vologeso Re de‘ Parti“, recitato nel nuovo Teatro di Reggio di Lombardia, in occasione di aprirlo la prima volta per la Fiera nel corrente Anno 1741, la notte de‘ 29 Aprile, di Guido Eustachio Luccarelli, Ferrara 1741, S. 142-146) Dieses Dokument erlaubt es zudem, eine Fehlinformation der Forschung zu korrigieren: Luccarelli kann eindeutig nicht Librettist der wichtigen Vologeso-Vertonung von Rinaldo di Capua (Rom, 1739) gewesen sein, wie von Marita McClymonds angenommen. Luccarelli bekennt nämlich, sich an dieser Einrichtung orientiert zu haben.

Sergio Morabito