Jommelli im Spiegel des ›Elogio‹ von Saverio Mattei, Teil 5

zFiles.aspxvon Sergio Morabito, Teil 5.

Eine leicht modifizierte Version dieses Artikels erschien unter dem Titel „Alles spricht“ im Februarheft der Zeitschrift Opernwelt

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HEIMKEHR
Mattei berichtet weiter, dass es dem König von Portugal nicht gelingt, Jommelli persönlich nach Lissabon zu holen. Er gewährt ihm aber eine hohe Pension für die Neukomposition von Opern und kirchenmusikalischen Werken sowie die Nutzungsrechte an den in Stuttgart entstandenen Partituren. Jommelli kehrt nach Neapel zurück.

„Jommelli sträubte sich [nach seiner Rückkehr nach Neapel, während der Komposition der Armida abbandonata[1]] gegen die allgemeine Erwartungshaltung des Hofes, der Impresarii und des Publikums. Er hatte die italienischen Theater – vor allem jenes von Neapel – nicht so wieder vorgefunden, wie er sie zurückgelassen hatte. Im Gegenteil, sie strotzten von jenen Verwerflichkeiten, die unser Kavalier Planelli[2] mit höchster Kraft in seiner ebenso gelehrten wie eleganten Schrift, nebst Vorschlägen zu ihrer Berichtigung, aufgezeigt hat. Eine unaufhörliche Zerstreuung, ein lästiges Getratsche, ein weichlicher und kraftloser Musikgeschmack, eine Abneigung gegen alles, was Mühe kostet, sowie die Freiheit nach Lust und Laune zu singen, eine deplazierte Zurschaustellung von Virtuosität durch überflüssige Verzierungen, mit denen die Sänger Noten und Worte überladen, und ganz besonders die Vernachlässigung der Aktion und das absolute Desinteresse an den Rezitativen, von denen doch die Entwicklung der Motive in den Arien abhängt, welche man ganz aus dem Zusammenhang gerissen, ohne jegliche Verbindung, hören will: das alles waren Gründe, die ihn entmutigen mussten.

Er konzentrierte sich auf die Fähigkeiten seiner beiden Protagonisten [de Amicis[3] und Aprile] und schrieb jene unerreichbare Musik, die alle überraschte und erschütterte und sowohl die Laien als auch die Kenner in Scharen anzog. Vom ersten Takt der Ouvertüre bis zum letzten des Schlussensembles gab es keine Note in diesem Drama, die beliebig gesetzt war. Ich spreche nicht nur von der Duettszene[4], nicht nur von den Finalszenen des 2. Aktes, die von der Kavatine des Rinaldo „Guarda chi lascio“ über die Arie der Armida „Odio, furor, dispetto“ zum Einsturz des Palastes führen[5] oder von den Arien „Ah, ti sento mio povero core“[6] – „Resta in pace, io parto, addio“[7] – „Se la pietà, l‘ amore“[8] ecc; dies sind Meisterwerke, denen weder andere, noch vielleicht Jommelli selbst je wieder hat gleichkommen können.

Die Arien der kleinen Partien – welche dazu verurteilt sind, zu Beginn des zweiten Aktes durch das Klirren des Bestecks übertönt zu werden, das in den Rängen zur Vorbereitung des Sorbets für die gelangweilten Zuschauer kursiert – übertreffen an Meisterschaft die Fugen der strengsten Kontrapunktiker ohne an theatraler Festlichkeit einzubüßen.“[9]

Trotz des anhaltenden Erfolges der Armida abbandonata erlebt Jommelli mit seinen nächsten beiden neapolitanischen Opern herbe Rückschläge in der Publikumsgunst. Sein Stil gilt seinen Landsleuten fortab als zu „gelehrt“, zu „philosophisch“, zu „deutsch“. Nach dem Fiasco seiner Ifigenia in Tauride zieht Jommelli sich von der Bühne des San Carlo zurück, beliefert aber noch Lissabon mit neuen Werken, die dort nach seinen brieflichen Anweisungen mit großem Erfolg einstudiert werden. Mit der szenischen Festkantate Cerere placata (1772) erlebt Jommelli die Freude, noch einmal in Neapel gefeiert zu werden. 1774, dem Jahr in dem noch seine berühmte, eingangs erwähnte Psalmkantate „Pietà, Signore“ entstanden ist, erliegt er einem zweiten Schlaganfall.


[1] Die verlassene Armida (1770), auf ein Originallibretto von Francesco Saverio de’ Rogati (ein Neffe und Schüler Matteis).

[2] Antonio Planelli (1737-1803), Komponist, Naturwissenschaftler und Gelehrter, Autor des vieldiskutierten Traktats Dell’opera in musica (Neapel 1772) und einiger Orchesterkompositionen.

[3] Anna Lucia de Amicis (1733-1816), Sopranistin (Mozarts erste Giunia in Lucio Silla).

[4] Armida abbandonata, I, 11, Duett des Rinaldo und der Armida “Oh dio, per que’ bei rai lo giuro”

[5] Armida abbandonata, II, 10-12, Kavatine des Rinaldo, Arie und Accompagnato der Armida

[6] Armida abbandonata, II, 5, Arie der Armida

[7] Armida abbandonata, I, 6, Arie des Rinaldo (eigentlich: “Resta, ingarta, io parto, addio”, später wird das Incipit von Mattei noch einmal falsch zitiert)

[8] Armida abbandonata, I, 8, Arie der Armida

[9] Elogio del Jommelli, S. 90-91