Wer war eigentlich der Librettist?

In den Veröffentlichungen zu Jommellis Schaffen ist immer wieder zu lesen, das Libretto für seine Vologeso-Vertonung stamme von Mattia Verazi. Erst vor kurzem hat die Musikwissenschaftlerin Sabine Henze-Döhring diese irrtümliche Zuschreibung korrigiert. Sie war Sergio Morabito bereits auf Grund rein literarischer Kriterien zweifelhaft erschienen, denn das wunderbar starke und elegante Berenike-Libretto kann kaum aus der gleichen Feder stammen wie das sprachlich und dramaturgisch unbeholfene Libretto, das Verazi zu Jommellis Fetonte verfasste. Hier ein Ausschnitt des Vortrags, den Sabine Henze-Döhring im Rahmen des Gluck-Wochenendes vom 25. bis 27 Juli 2014 an der Oper Stuttgart hielt:

Wie ich erst vor wenigen Tagen herausgefunden habe – alle älteren Darstellungen sind damit in Frage gestellt, wenn nicht überholt –, liegt Jommellis Oper der anonym bearbeitete Vologeso in der Vertonung Giuseppe Sartis zugrunde, der im Karneval 1765 als zweite Oper der Saison am Teatro San Benedetto in Venedig uraufgeführt worden war. Legt man die beiden Libretti nebeneinander, so werden die auf weiten Strecken wörtlichen Übernahmen der Rezitative und auch einzelner Arien sofort ersichtlich. Wer der Bearbeiter der Stuttgarter Version war, lässt sich nicht eindeutig belegen, doch da Giampietro Tagliazucchi in dieser Zeit als Hofpoet am württembergischen Hof engagiert war – die Autorschaft für Jommellis Azione pastorale Il trionfo d’amore und für La pastorella illustre (beide in Ludwigsburg beziehungsweise in Stuttgart 1763 uraufgeführt) ist in den Libretti dokumentiert –, kommt Verazi kaum in Betracht, zumal er in dieser Zeit Hofdichter und Privatsekretär Kurfürst Carl Theodors am Kurpfälzischen Hof zu Mannheim war.