„Shakespeare war eben auch sehr modern“ – Charakteristika des Vologeso-Librettos

Spracherepetitorin Rita de Letteriis im Interview mit Ann-Christine Mecke, 3. Teil

Hier geht’s zu Teil 1 und Teil 2.

Was ist das Besondere am Libretto zu „Berenike“?

Zuallererst: In vielen Libretti des 18. Jahrhunderts hat man das Gefühl, das man noch etwas kürzen könnte. Hier habe ich das Gefühl, dass alles schon auf das Wesentliche reduziert ist, alles gehört dazu und ist entscheidend für die Entwicklung der Charaktere. Das kenne ich sonst nur von den großen Mozart-Libretti. Es gibt auch keine übertriebenen Kürzungen – bei anderen Libretti muss man in die Vorlagen schauen, um zu verstehen, was eigentlich passiert, aber nicht ausgesprochen wird.

Außerdem gibt es Wörter, die sich wie ein roter Faden durch den ganzen Text ziehen, das ist sehr interessant. Zum Beispiel „fido“, „fedele“, „fede“ usw., alles was mit Treue und Loyalität zu tun hat. Gewisse Figuren benutzen diese Wörter immer wieder, Vologeso natürlich, aber auch Lucilla und Berenice.

Weil sie dieses Thema hauptsächlich umtreibt?

Das weiß ich nicht, aber es ist auf jeden Fall ein Wort, das wir nicht einfach ignorieren können. Wenn man es vergisst, kommt es von selbst noch einmal wieder. Auf diese Weise wird es ein Charakteristikum.

Bei der Übersetzung des Librettos sind mir die vielen Adjektive aufgefallen. Es ist meistens nicht einfach nur „Wut“, sondern die „blinde Wut“, die „eifersüchtige Wut“ oder die „gerechte Wut“. Ist das ein Charakteristikum dieser Zeit oder dieses Autors?

Nein, es ist ein Zeichen für ein Theater, in dem Autor und Komponist genau wusste, welche Gefühle sie ausdrücken wollten! Adjektive machen die emotionalen Wirkung aus, sie beleuchten ein Wort: Es gibt die treue Liebe und die grausame Liebe, das ist emotional ein großer Unterschied. Es ist ein sehr reicher Theatertext!

Berenike Nord 1
Zwei Römer beim Warten: Probenschnappschuss. Foto: A. T. Schaefer.

Du sprachst vorhin von der Mehrdeutigkeit der Sprache. Genau diese Mehrdeutigkeit nutzt Berenice aus, wenn sie Lucio Vero verspricht „Ich gebe dir mein Herz“: Er interpretiert dies als Zusage, ihn zu heiraten, sie aber meint, dass er sie töten müsste.

Das ist genau der Grund, warum die Arbeit des Regisseurs so wichtig ist – ein Satz kann eben verschiedene Bedeutungen haben. In dieser Oper sagen auch alle „Du musst dein Wort, dein Versprechen halten“, aber welches Versprechen mit den Worten verbunden ist, ist eben nicht eindeutig.

Und erstmals scheint das einer Opernfigur genau das bewusst zu sein.

Ja, und meines Wissens ist es auch das erste Mal in der Operngeschichte, dass mit „Core“ – „Herz“ das Stück Fleisch im Brustkorb gemeint ist und nicht die Liebe, die übertragene Bedeutung. Und dieser Bruch mit der Bedeutung, den Berenice vornimmt, ist – wenn ich das ausnahmsweise sagen darf – unglaublich modern! Sicher, Shakespeare hat so etwas auch gemacht, aber Shakespeare war eben auch sehr modern.