„Für Italiener gibt es immer eine Lösung“ – Das Zusammenspiel von Text und Musik

Rita de Letteriis, Sprachrepetitorin bei Berenike, im Interview mit Ann-Christine Mecke, 2. Teil

(Hier geht’s zum 1. Teil des Interviews)

Wie bist du zu deinem Beruf gekommen? Das ist vermutlich kein Beruf, für den man sich gleich nach der Schulzeit entscheidet…

Nein, wie so oft hat das Leben viel mehr Phantasie als wir. Ich habe Linguistik und Komparatistik studiert, und als Nebenfach hatte ich Klavier. Ganz zufällig hatte ich vor längerer Zeit eine sehr einflussreiche Begegnung mit dem Dirigenten William Christie. Ich bin also über das Barock-Repertoire zu dieser Arbeit gekommen, ein Repertoire, in dem die Sprache alles entscheidet: Die Art und Weise, in der der Text wiedergegeben wird, bestimmt auch darüber, was das Continuo macht und so weiter.

Das heißt, du bist auch vertraut mit den Feinheiten historischer Aufführungspraxis?

Das würde ich so nicht sagen. Vertraut bin ich mit Dichtung und dem alten Italienisch. Das unterscheidet sich nicht sehr von dem Italienisch, das wir heute sprechen, aber die Form ist eine andere.

Wie arbeitest du mit den anderen Beteiligten der Produktion zusammen, Korepetitoren, mit dem Dirigenten, dem Regisseur?

Berenike Nord 1 29
Probenschnappschuss – Foto: A. T. Schaefer

Ich bin sozusagen das freie Neuron, das überall genau zuhört, insbesondere natürlich dem Regisseur. Wir sprachen ja eben über Sprache als Kommunikationsmittel: Jedes Wort ist auch die mögliche Quelle eines Missverständnisses. Ein Wort kann sehr viele verschiedene Bedeutungen haben, in Abhängigkeit davon, wie man es sagt. Wir achten natürlich auf die die wörtliche Bedeutung, aber das ist nur der Anfang der Interpretation. Es geht um den Geist, um den Sinn, mit dem es gesagt wird, und der ist eng verbunden mit der Interpretation eines Regisseurs – sofern er eine hat. Hier bei Berenike haben die Regisseure natürlich eine sehr genaue Vorstellung von dem, was Text und Musik gemeinsam zum Ausdruck bringen, und damit muss meine Arbeit in Einklang sein. Ich suche also die Werkzeuge, mit denen ich dem Regisseur dienen kann. Das kann ganz technisch sein: Ein R wird mehr gerollt, ein Vokal ein kleines bisschen verlängert, und plötzlich wird dieses Wort gewissermaßen dreidimensional. Aber gleichzeitig ist es auch Musik, und ich muss genauso aufpassen, was der Dirigent verlangt. Zum Glück ist der Vers, der Rhythmus genau das Element, das alles verbindet, auch Musik und szenische Handlung. Wenn ich also einmal verstanden habe, was alle wollen, muss ich nur den Sängern helfen, ihr Ziel zu erreichen.

Gibt es manchmal Situationen, in denen du widersprechen musst, weil das Gewünschte mit dem Text einfach nicht geht?

Natürlich, das passiert immer wieder. Zum Beispiel verlangen manche Dirigenten ein Staccato, das so kurz ist, dass es sich nicht mehr mit der italienischen Sprache verträgt. Dann kann ich nur sagen: Bitteschön, aber das klingt überhaupt nicht mehr italienisch – können wir den gewünschten Ausdruck nicht anders erreichen? Bei italienischen Dirigenten passiert das natürlich nicht.

Oder das Team möchte etwas kürzen, aber die Kürzung greift in die Form des Textes ein, sie unterbricht einen Vers oder eliminiert einen entscheidenden Reim. Dann muss man darüber sprechen, wie man die Form erhalten oder neu herstellen kann. Aber für Italiener gibt es immer eine Lösung, das ist unsere Lebensart!