„Bloße Korrektheit ist langweilig“ – Was macht eine Sprachrepetitorin?

Rita de Letteriis, Sprachrepetitorin bei Berenike, im Interview mit Ann-Christine Mecke, 1. Teil

Was genau macht eine Sprachrepetitorin oder Sprachcoach in einer Opernproduktion?
In der Operwelt kommt es sehr häufig vor, dass Sänger in einer Sprache singen müssen, die nicht ihre Muttersprache ist. Meine Hauptarbeit ist, ihnen dabei zu helfen, sich die Worte zu eigen zu machen, die sie sagen müssen. Manchmal übersetzen wir nur und versuchen, die komplizierte Syntax eines Satzes zu verstehen, die wichtigen Stichworte zu identifizieren – wobei natürlich eigentlich jedes Wort wichtig ist. Das Verständnis ist das Wichtigste, denn bei Sprache geht es um Kommunikation. Auf einer anderen Ebene kümmern wir uns um die musikalischen Eigenschaften des Textes – dabei geht es vor allem um den Klang, also um eine korrekte Aussprache. Das bedeutet, dass ich zum Beispiel die Vokalqualität korrigiere, im Italienischen auch speziell die Konsonanten, es besteht ein deutlicher Unterschied zwischen einfachen und doppelten Konsonanten. Die dritte Ebene betrifft die Form des Librettos: Libretti sind zum Beispiel in Versen geschrieben, Reime und Akzente sind wesentlich. Das kann da dazu führen, dass man eine kleine Pause in der Rezitation macht, wo man in den Noten auf den ersten Blick gar keine erkennt, oder zwei Worte etwas mehr verbindet. Es geht mir aber darum, dass es sich die Sprache natürlich anhört. Die Darsteller sollen mit ihr spielen können, aber das können sie nur, wenn sie die Form verstanden haben.

Wann beginnt deine Arbeit – mit der Einstudierung der Sänger?
Meine Arbeit beginnt zuhause am Schreibtisch. Ich lese das Libretto und versuche, eine kulturelle Verbindung zu bekommen. Dazu lese ich die Quellen, denn manchmal sind die Libretti so verknappt, dass man wissen muss, was zwischen den Zeilen steht, auch wenn man es dann nicht benutzt. Ich versuche zu verstehen, wie der Komponist das Buch in Musik gesetzt hat. Im 18. Jahrhundert wurde oft das gleiche Buch ganz oft von verschiedenen Komponisten vertont, und ich muss die Verbindung zwischen Text und Musik in der jeweiligen Fassung verstehen.

Rita de Letteriis bei der Probe
Rita de Letteriis (links) bei der Probe mit Anna Durlovski. Foto: A. T. Schaefer

Dann beginne ich meistens damit, mit den Sängern nur zu sprechen. Ich glaube, das Wichtigste ist, dass die Sänger sich den Text wirklich zueigen machen, es darf nicht nach Auswendiglernen „riechen“. Das ist wirklich wie ein muffiger Geruch! Dann müssen wir neue Frische in den Text bekommen. Natürlich ist die größte Sorge der Sänger, dass sie alles richtig machen, aber das dauert eben. Mir ist es am Anfang lieber, wenn das Wort etwas falsch ausgesprochen wird, aber mit dem gewissen Etwas. Bloße Korrektheit ist langweilig. Also sprechen wir, und wir befragen den Text, wir nehmen Umwege, um von der „Autobahn“ des Auswendiggelernten herunterzukommen. Mit der Hilfe eines guten Regisseurs kommt alles andere dann im Verlauf der Proben.

Und dann bist du bei den szenischen Proben dabei, machst dir Notizen und sprichst mit den Sängern, sobald sich Gelegenheit dazu ergibt.
Ja, ich mache mir sehr viele Notizen. Aber ich habe eine gewisse Ordnung, ich unterscheide zwischen den Dingen, die unbedingt verbessert werden müssen und erst wenn die stimmen, gehe ich weiter. Sonst wird es zu viel, wir müssen schrittweise vorgehen. Aber das Ensemble hier ist fantastisch, manche Sänger sind extrem schnell, denen gebe ich am Ende der Probe nur einen Zettel mit meinen Notizen!