CV Niccolò Jommeli

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Niccolo Jommelli als Kapellmeister am Petersdom. Zeitgenössischer Stich, erschienen 1766. Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Halle.

Sergio Morabito hat im Freitags-Jommelli bereits einiges über den Komponisten von Berenike (Il Vologeso) erzählt. Hier das Wichtigste aus Jommellis Leben in Tabellenform.

 

10. September 1714 Geburt in Aversa nördlich von Neapel als eines von zwölf Kindern eines wohlhabenden Tuchhändlers. Angeblich erster Musikunterricht im dortigen Kathedralchor.
1725 Eintritt ins Konservatorium von San Onofrio in Neapel, dort Unterricht bei dem Komponisten und Musikpädagogen Ignazio Prota
20. September 1728 Wechsel ans Konservatorium Pietà dei Turchini, Untericht beim Komponisten Nicola Fago; geprägt wird Jommelli darüber hinaus durch die beiden damals tonangebenden Meister der neapolitanischen Schule, Francesco Durante (im Bereich der Kirchen- und Instrumentalmusik) und Leonardo Leo (im Bereich der Oper)
1737 Seine erste Oper, die Buffa L’errore amoroso kommt in Neapel erfolgreich auf die Bühne des Teatro Nuovo. Im Jahr darauf folgt seine zweite Opera buffa am dortigen Teatro de‘ Fiorentini (Odoardo).
1740 In Rom feiert Jommellis erste Opera seria Premiere: Ricimero re de’ Goti. In Rom bringt er in den folgenden zehn Jahren (bis 1751) acht Opern heraus. Jommelli schreibt darüber hinaus Opern für zahlreiche andere italienische Städte und komponiert außerdem vermehrt Oratorien und liturgische Musik.
1741 In Bologna, wo Jommelli erstmals Metastasios Ezio in Musik setzt, kommt es zu einer anekdotenumrankten Begegnung mit Padre Martini, einer der profiliertesten Lehrergestalten seiner Zeit. Jommelli bleibt ihm sein Leben lang in freundschaftlicher Korrespondenz verbunden.
wahrscheinlich 1745 Jommelli wird – wohl aufgrund der Vermittlung von Johann Adolf Hasse – Kapellmeister am Conservatorio degli‘ Incurabili, einem Konservatorium für Mädchen in Venedig.
1747 Umzug nach Rom, Jommelli erhält die Stelle eines Maestro coadiutore an der Peterskirche.
1749 Im Rahmen eines Wiener Aufenthaltes präsentiert Jommelli fünf Opern, die ihm zu beträchtlichem Ansehen verhelfen. Er tritt in einen prägenden Austausch mit dem berühmtesten Librettisten seiner Zeit, Pietro Metastasio, der in Wien das Amt des kaiserlichen Hofdichters innehat. Die Aufführungen des Oratoriums La passione di Gesù Cristo während der Karwoche in Rom mehren Jommellis Ruhm.
spätestens 1750 Dienstantritt am Petersdom. Jommelli komponiert vorwiegend geistliche Musik, aber auch zahlreiche Opern und Intermezzi.
1751-1753 In Mannheim kommen drei Opern Jommellis zur Aufführung. 1760 bringt Jommelli am kurpfälzischen Hof noch einen Cajo Fabrizio heraus.
1753 Herzog Carl Eugen von Württemberg, der bereits zwei Wiener Opern Jommellis in Stuttgart hatte nachspielen lassen, reist nach Rom, um Jommelli kennenzulernen. Der Herzog beauftragt eine Festoper, die Jommelli in Stuttgart auch selbst aufführen soll. Offenbar wird bereits über eine Festanstellung verhandelt. La clemenza di Tito (nach Metastasio) feiert am 30. August Premiere.
1. Januar 1754 Jommelli beginnt seine neue Tätigkeit als Oberkapellmeister in Stuttgart, verantwortlich für „Cammer-, Hof- und Kirchenmusic“. Sein Dienstvertrag gewährt ihm weitreichende Befugnisse, die über die sonst für Hofkapellmeister üblichen Kompetenzen weit hinausgehen. Jommelli schreibt im Durchschnitt zwei Opern pro Jahr. Neben dem Stuttgarter Opernhaus bespielt er die herzoglichen Bühnen in Graveneck, Tübingen und auf der Solitude sowie das kleine Ludwigsburger Hoftheater. Den ihm vertraglich alle drei Jahre zustehenden Gastierurlaub in Italien nimmt Jommelli nur einmal in Anspruch, dafür begleitet er seinen Fürsten mit seiner Kapelle auf dessen Italienreisen. Sein Prestige gewinnt nicht trotz sondern wegen seiner beinahe exklusiven Bindung an Stuttgart internationale Ausstrahlung.
1756 Zum Tod der Mutter des Herzogs schreibt Jommelli ein Requiem, das zu einer seiner meistverbreiteten Kompositionen wird. Erst am Ende des Jahrhunderts wird sie von der Totenmesse des in diesem Jahr geborenen Wolfgang Amadeus Mozart verdrängt.
1758-1767 Zusammenarbeit mit dem neuen Stuttgarter Ballettdirektor Jean Georges Noverre
1761 Jommelli erarbeitet eine bedeutende musikalische Neufassung von Metastasios Olimpiade.
1763 Jommelli schafft seine dritte musikalische Neuinszenierung von Metastasios Didone abbandonata.
11. Februar 1765 Eröffnung des großen Opernhauses in Ludwigsburg mit Jommellis zweiter Fassung von Metastasios Demofoonte
11. Februar 1766 Uraufführung von Il Vologeso; in diesem Jahr wird auch eine Opera buffa eingerichtet, für die Jommelli vier Werke komponiert.
ab 1767 Verschlechterung der finanziellen Lage am württembergischen Hof und des Verhältnisses zwischen Kapellmeister und Herzog, dessen Theaterleidenschaft nachlässt.
1768 Uraufführung des Fetonte. Jommelli führt ein problematisches Libretto durch überbordenden musikalischen Reichtum zum Erfolg.
1769 Heimaturlaub in Neapel. Vor der Reise behält der Herzog sämtliche Partituren als Pfand ein und verweigert sogar Kopien. Welche Umstände zu Jommellis Entlassung aus württembergischen Diensten führen, ist nicht vollständig geklärt. Während seiner Abwesenheit soll ein Sänger der Hofkapelle ihn beim Herzog denunziert haben (was er gegen seinen Vorgesetzten vorbrachte, ist nicht überliefert). Bei seiner Rückkehr erfährt Jommelli, dass Carl Eugen für die nächste Spielzeit neue Sänger engagiert hatte, was laut Kontrakt zu Jommellis Kompetenzen gehört. Im Sommer stirbt Jommellis Frau. Übersiedlung zu den Geschwistern in die Heimatstadt Aversa. Von Italien aus bittet Jommelli um Entlassung. Jommelli erhält, nach der mit seinem vorrückenden Alter begründeten Ablehnung einer Festanstellung in Lissabon, regelmäßige Kompositionsaufträge vom portugiesischen König.
1770/71 Jommellis großangelegtes neapolitanisches Comeback mit drei neuen Opern in der Spielzeit 1770/71 an der führenden Opernbühne des San Carlo wird trotz des anhaltenden Erfolges der Armida abbandonata zu einer Enttäuschung. Bezeichnend ist die Reaktion des fünfzehnjährigen Mozart, dem die Armida beim ersten Hören außerordentlich gefällt („una opera che è ben scritta e che mi piace veramente“), der sich sechs Tage später aber bereits der allgemeinen Stimmung angeschlossen hat: Die Oper sei „zwar schön, aber zu gescheit und zu altväterisch fürs Theater“. Demofoonte erhält eine bereits deutlich kühlere Aufnahme, Ifigenia in Tauride erlebt ein Fiasko und muss unmittelbar nach der Premiere abgesetzt werden. Jommelli gibt daraufhin seine Gage an das Theater zurück. Dem vom gefälligen Stil der Neuneapolitanischen Schule eingenommenen Publikum erscheint Jommelli als „troppo tedescho“, also als pedantisch, und unmodern. Im August erleidet der Komponist einen Schlafanfall und bleibt teilweise gelähmt. Er zieht sich von der praktischen Opernarbeit zurück, komponiert jedoch mit Unterstützung eines Bruders, eines Augustinermönchs, weiter.
1772 Die Festkantate Die besänftigte Ceres erringt in Neapel allgemeinen Beifall.
1774 In Lissabon wird die Uraufführung von Jommellis letzter Oper Il trionfo di Clelia stürmisch gefeiert. In der Karwoche erklingt in der Wohnung des Dichters Mattei unter Mitwirkung der Primadonna Anna de Amicis und des Kastraten Giuseppe Aprile erstmals die Psalmparaphrase “Pietà, Signore”, der Komponist sitzt am Cembalo. Am 25. August stirbt Jommelli an einem weiteren Schlaganfall. Nachrufe der bedeutendsten Musikschriftsteller seiner Zeit (Burney, Vogler, Schubart) würdigen neben Jommellis künstlerischen Großtaten auch sein außerordentlich freundliches Wesen, dem Rivalitäten und Eitelkeiten fremd waren.