Der historische Kaufmann

Die historische Vorlage für die dritte Hauptperson aus „Jakob Lenz“ ist die merkwürdigste und zwielichtigste: Christoph Kaufmann.

Christoph_Kaufmann_von_Winterthur

Der 1753 in Winterthur geborene Christoph Kaufmann ist vor allem als Erfinder
des Romantitels Sturm und Drang in die Geschichte eingegangen, der später zu einer literarischen Epochenbezeichnung wurde. Kaufmann selbst hat nur wenig veröffentlicht, er wirkte vor allem durch seinen Einfluss auf unterschiedliche Intellektuelle seiner Zeit, bis er von immer mehr Meinungsführern als Scharlatan eingeordnet und fallengelassen wurde.

Kaufmann machte eine Ausbildung zum Apothekergehilfen und arbeitete zunächst in einer Apotheke in Straßburg. Begeistert von Ideen Rousseaus gründete er mit Gleichgesinnten den »Straßburger Brüderbund« und formulierte mit diesen eigene Erziehungsideen. Nachdem er auf diese Weise eine gewisse Bekanntheit erlangt hatte, kehrte er 1775 in seine Heimatstadt zurück und gebärdete sich zunehmend als exzentrisches Genie und Missionar einer reformistischen Lebensweise, zu der körperliche Arbeit und vegetarische Ernährung gehörten. Gefördert von einflussreichen Persönlichkeiten wie Johann Caspar Lavater reiste er viel und kam in Kontakt mit den maßgeblichen Autoren seiner Zeit, die ihn zum Teil euphorisch weiterempfahlen.

Ende 1777 kam Kaufmann in Kontakt mit Jakob Michael Reinhold Lenz, der
deutliche Anzeichen einer schweren psychischen Erkrankung zeigte. Eine kleine Reisegruppe, zu der auch Kaufmann gehörte, begleitete Lenz ins Elsass zu Johann Friedrich Oberlin. Ungefähr um die gleiche Zeit geriet Kaufmann zunehmend in Misskredit, weil sein großspuriges Verhalten und seine geringe tatsächliche Schaffenskraft nicht zusammenpassten. Darüber hinaus gab er sich als Arzt aus, und dichtete sich Heldentaten in fernen Ländern an. Nach seinem gesellschaftlichen Absturz studierte Kaufmann eine kurze Zeit Medizin und praktizierte anschließend ohne Abschluss als Arzt in verschiedenen Gemeinden der Herrnhuter Brüdergemeine. Er starb 1795 in Berthelsdorf bei Herrnhut.

Ulrich Holbein im Titel-Magazin über Christoph Kaufmann: „Sternstunde und Bauchlandung“