Der historische Oberlin

Auch die zweite wichtige Figur in Rihms „Jakob Lenz“ beruht auf einer historischen Persönlichkeit: Johann Friedrich Oberlin (1740-1826):

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Johann Friedrich Oberlin wurde am 31. August 1740 in Straßburg geboren. Nach Schulausbildung und Studium arbeitete er zunächst einige Jahre als Hauslehrer. 1767 wurde er evangelischer Pfarrer in der sehr armen und landwirtschaftlich rückständigen Gemeinde Waldersbach im Elsass und prägte die Gemeinde bis zu seinem Tod 1826 als Seelsorger, Sozialreformer und Pädagoge.

Geprägt von den pädagogischen Ideen Rousseaus und durch die pietistische Herrnhuter Brüdergemeine baute Oberlin das Schulwesen in Walderbach aus und richtete Schulen für Kleinkinder ein, die heute als Vorläufer des Kindergartens gelten. Darüber hinaus propagierte er moderne Anbaumethoden in der Landwirtschaft, engagierte sich in der Erwachsenenbildung und verbesserte die Infrastruktur in seinem Tal.

Der Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz verbrachte 1778 rund drei Wochen bei Oberlin. Der Pfarrer galt als fähiger Seelsorger, und so erhofften die Freunde von Lenz sich durch den Aufenthalt eine Verbesserung der gesundheitlichen Situation. Oberlin war jedoch anfangs nicht über die psychische Erkrankung informiert und schätzte deren Intensität falsch ein. Seine Bemühungen um Lenz scheiterten, und die Pfarrersfamilie litt zunehmend unter dem unberechenbaren Gast. Nachdem der Dichter mehrfach versucht hatte, sich umzubringen, ließ Oberlin ihn unter Bewachung nach Straßburg bringen. Im Anschluss hielt Oberlin seine Erfahrungen mit Jakob Lenz in tagebuchartigen Aufzeichnungen fest, die später das Ausgangsmaterial für Georg Büchners Novelle Lenz wurden und zum Teil wörtlich in Büchners Text eingeflossen sind.