‚Szenen aus dem Pariser Künstlerleben‘ (1851)

Auf dem 1851 erschienenen Roman Szenen aus dem Pariser Künstlerleben von Henri Murger über das Leben von vier jungen Künstlerfreunden und ihren Geliebten basiert Puccinis La Bohème.

Ein Ausschnitt aus Murgers Originaltext – und Bilder von den ersten Proben.

Um diese Zeit verkehrten Gustav Colline, der große Philosoph, Marcel, der große Maler, Schaunard, der große Musiker, und Rodolphe, der große Dichter – denn so nannten sie sich untereinander – regelmäßig im Café Momus.

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Probenszenen „La Bohème“

In der Tat, sie kamen zusammen, sie gingen zusammen, sie speisten zusammen und bezahlten zuweilen ihre Zeche nicht, und zwar auch das in einem Zusammenspiel, das des Orchesters im Konservatorium würdig gewesen wäre. (…)

Die Dinge erreichten jedoch einen solchen Grad der Willkür, dass der Caféwirt schließlich die Geduld verlor und eines Abends mit ernster Miene hinaufstieg, um seine Beschwerdepunkte darzulegen.

Es waren diese:
1. Herr Rodolphe komme schon am Morgen zum Frühstück und trage alle Blätter des Lokals in seinen Saal; (…) daher blieben die anderen Stammgäste der Organe der öffentlichen Meinung beraubt und bis zum Diner in Dingen der Politik unwissend wie die Karpfen. (…)

Atalla Ayan als Rodolfo
Atalla Ayan als Rodolfo

2. Herr Colline und sein Freund Herr Rodolphe erholten sich von der geistigen Arbeit, indem sie von morgens zehn Uhr bis Mitternacht Tricktrack spielten, und da das Lokal nur ein Tricktrackbrett besitze, so seinen die anderen Leute durch die Hartnäckigkeit dieser Herren in ihrer Leidenschaft für das Spiel verkürzt. (…)

Pumeza Matshikiza als Mimí
Pumeza Matshikiza als Mimí

3. Herr Marcel habe vergessen, dass ein Café ein öffentliches Lokal sei, und sich erlaubt, seine Staffelei, seinen Malkasten und alle Werkzeuge seiner Kunst dort einzustellen. Er treibe die Unschicklichkeit sogar so weit, dass er Modelle beiderlei Geschlechts dorthin berufe.

v.l.: André Morsch als Schaunard, Bogdan Baciu als Marcello
v.l.: André Morsch als Schaunard, Bogdan Baciu als Marcello

4. Dem Beispiel seines Freundes folgend, spreche Herr Schaunard davon, sein Piano ins Café zu schaffen; und er habe sich nicht gescheut, ebendort im Chor ein Motiv aus seiner Symphonie „Die Wirkung des Blauen in der Kunst“ singen zu lassen.

5. Nicht zufrieden damit, dass sie schon eine nur sehr geringe Zeche machten, hätten die Herren versucht, noch weniger auszugeben. Sie hätten einen Spirituosenkocher mitgebracht und machten sich ihren Kaffee selber, und sie versüßten ihn mit anderswo billig gekauftem Zucker, was eine Beschimpfung der Siederei bedeute, die für das Café zu liefern pflegte.

v.l.: Adam Palka als Colline, André Morsch als Schaunard, Yuko Kakuta als Musetta, Bogdan Baciu als Marcello
v.l.: Adam Palka als Colline, André Morsch als Schaunard, Yuko Kakuta als Musetta, Bogdan Baciu als Marcello