Opernkritik im Faktencheck – Antworten auf eine virtuelle Rekonstruktion von „wunderzaichen“

Der Komponist, Pianist und Blogger Moritz Eggert ist im Bad Blog of Musick auf die so medienkritische wie humoristische Idee verfallen, das, was in Stuttgart am vergangenen Sonntag passiert ist, anhand von Zeitungskritiken zu rekonstruieren. (Also so ziemlich genau das, was man immer macht, wenn man einer Aufführung nicht beigewohnt hat und darauf angewiesen ist, sich ein Bild anhand der Berichte zu machen.) Auf Kritiken würden wir hier nicht antworten – wie wohl es sich lohnen würde, beispielsweise bei Herrn Reininghaus nachzufragen, wo er die in Anführungszeichen gesetzten Zitate gefunden hat, die er uns unterjubelt. Aber da Moritz so offen um Aufklärung bittet, möchte ich hier gerne seinem Wunsch entsprechen und ihm antworten auf die Frage: Was ist richtig, was ist falsch? Oder anders gesagt: Opernkritik im Faktencheck.

faktencheck

„Das knapp zweistündige, pausenlose Werk gliedert sich in vier „Stationen“. In vier Stadien, an vier Transformationspunkten sehen wir eine Hauptfigur, die ins Heute geworfen wird. Die Oper spielt also in der Gegenwart.“

Das Stück heißt: „Oper in vier Situationen“. Nicht Stationen. Nicht Stadien. Nicht Transformationspunkten. Das Bühnenbild und die Kleidung erinnert gar nicht so sehr an heute, sondern eher so ein bisschen an gestern. So: Jacques-Tati-Gestern. Oper spielt immer in der Gegenwart. Entsteht immer jetzt.

„Die Geschichte zieht das Publikum ins 16. Jahrhundert … “

Nö, die Geschichte zieht niemanden ins 16. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert ist Johannes Reuchlin gestorben, ein deutscher Denker mit dem die Hauptfigur unserer Oper den Namen und einige Gedanken teilt. Vielleicht auch den Umstand, dass zwei Herzen, ach, in seiner Brust schlagen. Aber er IST NICHT aus dem 16. Jahrhundert. Er spricht nur an einer Stelle so, als wäre er es.

“Reuchlin! wer will sich ihm vergleichen? Zu seiner Zeit ein Wunderzeichen”, schrieb Goethe über den großen Humanisten – und lieferte damit ungewollt auch den Titel der Oper.“

Es wird Zeit, dieser Deutung, die überall abgeschrieben wird, eine zweite hinzu zu fügen, auf die Professor Grözinger in seinem Vortrag auch eingegangen ist: Die Wunderzeichen sind natürlich auch die Buchstaben selbst, aus denen sich die gesamte Schöpfung erschließt. Es geht also nicht nur um den von Goethe freiwillig wunderverzeichneten Johannes, sondern auch um die wundertätige Wirkung der Zeichen und Worte der Sprache, der Schrift.

DIE HANDLUNG

Die Handlung des Werkes ist hier nachzulesen. https://operstuttgart.wordpress.com/2014/02/21/wunderzaichen-die-handlung/

„taucht hier […] nicht zufällig auf“

Akkurat! Ich bin entzückt! Diese Formulierung ex negativo! Ganz hohe Fabulierkunst.

„Da sagt die Passkontrolle am Flughafen zum geheimnisvollen Reisenden: „Aha, ein Schwabe!“. Und wird gleich freundlicher.“

Hier müsste man präzisieren, dass dieses Verhör bereits in der zweiten Situation – nicht mehr an der Passkontrolle in der ersten Situation – stattfindet, und ob die Beamtin dann freundlicher oder gehässiger wird, liegt im Auge des Betrachters.

„so genau weiß er es selber nicht.“ „– wer, das ist ihm selbst schleierhaft.“

Ganz genau! Sehr gut formuliert!

„Er wird an der Einreise gehindert, weil man feststellt, dass er bereits 1522 gestorben sein müsste.“

Ich denke, wir müssen hier im Sinne des Polizisten das Gesamtbild, das Johannes erweckt, in die Bewertung der Situation mit einbeziehen. Dass jemand vor 492 Jahren gestorben ist, kann man ja nicht ernsthaft als Hinderungsgrund an einer Einreise betrachten, zumal, wenn er leibhaft vor einem steht. Es sei denn, es handele sich um absurde, surrealistische oder sonst wie gnostische Literatur.

„Sie gehen gemeinsam ins Fast-Food-Restaurant, er isst einen Apfel, sie einen Granatapfel“

Man darf nicht übersehen, dass Johannes zuvor einen Burger isst, wie die übrigen Touristen auch. Es muss sich also um einen Beitrag der wallehaarigen Hippiefrau zur Verbesserung seiner Ernährung handeln, zugleich um einen Vorausgriff auf die vierte Situation, in denen Apfelnamen und Apfelblüten eine Rolle spielen. Ich dachte bislang, Maria äße eine Mandarine, aber da muss ich noch einmal darauf achten, Granatapfel ist VIIIIEL besser, nehmen wir auf! Er erzählt dabei übrigens das Gleichnis von einem Mann, der nichts als Körner aß. [Siehe auch: Wolfgang Amadeus Mozart Don Giovanni Zweiter Akt, 13. Szene, Giuseppe Verdi Falstaff Erster Akt, 1. Szene etc.]


Essensszene vor dem metaphysischen Abflug. Gab’s schon mal bei Mozart.

„Munter philosophierend wartet Johannes auf seinen Start ins Jenseits.“

Also ob er so munter ist, weiß ich nicht. Ihm geht es ziemlich schlecht in diesem Moment und das hört und sieht man auch. Beobachtung: Ungenügend.

„Er kehrt als eine Art Engelserscheinung …“

Mit dem Wort Engel hätte ich in Bezug auf Johannes mein Problem. Es geht hier um eine Überblendung von mehreren Vorbildern/Urbildern und, so weit ich das recherchieren konnte, so viele sind es nicht, die nach ihrem Tod wieder auferstanden sind. Zudem haben – innerhalb der Eigengesetzlichkeiten der Inszenierung – die Engel ab der 1. Situation immer einen Kontrabassbogen bei sich. (Siehe Verwandlung von Polizist in Erzengel am Ende der Dritten Situation.) Also: Johannes ist weder als Engel gedacht, noch als solcher inszeniert.

„die anfangs ungeduldig und aggressiv mit Geigenbögen fuchtelte“

1.Es handelt sich um Kontrabassbögen
2. Der Chor fuchtelt nicht damit, sondern streicht rhythmisch präzise – auskomponiert! – über den eigenen Körper. Der enstehende Rauschklang erinnert an Atem. Der Chorkörper dehnt und zieht sich zusammen, wie eine Lunge beim Atmen.
3.Aggressiv schon gar nicht. Mit Engelslächeln!

fällt nun unter bizarren Verrenkungen müde und ausgelaugt in die Sessel.

So ist die Situation am Beginn des vierten Teils. Am Ende jedoch erwacht diese Gemeinschaft.

„Schließlich wird Reuchlin zum Abflug nach Gate E 32 gerufen.“

Nein, „Johannes“ wird gerufen, nicht Reuchlin. Think!

Nächste Aufführungen:
Morgen, 7.3.
Am 16.3.
Am 22.3.
Am 25.3.