crossing the border – ein essay von daniel boyarin

Der Religionswissenschaftler Daniel Boyarin hat sich im Vorfeld der Oper mit unserem Stück beschäftigt und einen Essay verfasst, in dem er der Beziehung zwischen dem historischen Johannes Reuchlin und der Hauptfigur unseres Stücks nachgeht. Kennengelernt haben wir ihn im WIKO-Berlin, wo er zeitgleich mit Mark Andre gearbeitet hat.

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Wer war Johannes Reuchlin?
Johannes Reuchlin wurde 1455 in Pforzheim im Schwarzwald geboren, wo sein Vater Verwalter des Dominikanerklosters war. Im Dezember 1481 machte sich Herzog Eberhard von Württemberg zu einer Italienreise auf und benötigte zu diesem Zweck einen Übersetzer. Er engagierte Reuchlin, der daraufhin auf eine erstaunliche spirituelle und intellektuelle Reise aufbrach, wie sie in Mark Andres neuer Oper wunderzaichen evoziert wird. Im Februar 1482 verließ Reuchlin Stuttgart und reiste gemeinsam mit dem Herzog nach Florenz und Rom. Die Reise dauerte nur wenige Monate, aber sie brachte den deutschen Gelehrten in Kontakt mit italienischsprachigen Gelehrten, vor allem an der Akademie der Medici in Florenz. Im Jahr 1490 bereiste Reuchlin Italien erneut. Er schloss Bekanntschaft mit Pico della Mirandola, dem führenden Kopf sowohl der christlichen Kabbalisten als auch der florentiner Humanisten. Mirandolas kabbalistische Lehrmeinungen übernahm er nach kurzer Zeit. 1492 übertrug man ihm eine Gesandtschaft nach Linz an den Hof Kaiser Friedrichs und dort begann er bei Jakob ben Jehiel Loans, dem jüdischen Leibarzt des Kaisers, das Studium der hebräischen Sprache. Loans Unterricht legte den Grundstein für Reuchlins fundierte Sprachkenntnis, die er konsequent ausbaute.
Obwohl Reuchlin keine offizielle Lehrposition innehatte, stand er im deutschen Sprachraum über lange Jahre seines Lebens hinweg unangefochten im Zentrum allen Forschens und Lernens sowohl der griechischen als auch der hebräischen Sprache. Reuchlin kam in Kontakt mit dem Pfälzischen Kurfürsten Philipp, der ihn mit der Leitung der Erziehung seiner Söhne betraute. Im Jahr 1498 entsandte er Reuchlin erneut nach Rom – was dessen Fortschritte im Hebräischen begünstigte. Beladen nicht nur mit hebräischen Schriften und Büchern sondern auch mit jüdischer Gelehrsamkeit kehrte er nach Deutschland zurück.
Viele Jahre widmete sich Reuchlin mit stetig wachsendem und bei weitem mehr als nur antiquarisch verstandenem Interesse seinen Studien des Hebräischen. Er war überzeugt, dass der Schlüssel zur hebrea veritas [zur hebräischen Wahrheit] in der Tradition von Grammatik und Exegese liege, wie sie von mittelalterlichen Rabbinern überliefert wurde – insbesondere von dem großen Grammatiker David Khimi. Er war entschlossen, die Kenntnisse, die er sich erarbeitet hatte, auch anderen zugänglich zu machen. 1506 erschien sein epochemachendes Werk De rudimentis hebraicis, ein Wörterbuch und eine Grammatik des Hebräischen, das sich größtenteils auf Khimi aber auch auf andere Gelehrte stützt. Aber auch seine Griechischstudien hatte er weiter vorangetrieben und sein Interesse sowohl auf die Schule des Neoplatonismus als auch die Lehre der Pythagoreer gerichtet, die beide keine zu vernachlässigende Affinität zur Kabbala aufweisen. In der Nachfolge Pico della Mirandolas glaubte er in der Kabbala eine umfassende Theosophie zu entdecken, die zur Verteidigung des Christentums und zur Versöhnung von Wissenschaft und den Mysterien des Glaubens herangezogen werden könnte – eine verbreitete Vorstellung in dieser Zeit des gärenden Umbruchs. Reuchlin legte seine mystisch-kabbalistischen Überlegungen und Ideen in seinem Werk De verbo mirifico (1494) und schließlich in De arte cabbalistica (1517) der Öffentlichkeit dar.
Reuchlin wurde zu einem wichtigen Verteidiger jüdischer Bücher. Als einige Kleriker aufgrund angeblicher Angriffe auf das Christentum die Konfiszierung und Vernichtung jüdischer Bücher forderten, bewies Reuchlin, dass diejenigen Bücher, die tatsächlich offen das Christentum beschimpften, in der absoluten Minderzahl waren und von den meisten Juden selbst als wertlos angesehen wurden. Andere Bücher hingegen seien entweder zum jüdischen Gottesdienst notwendig, was sowohl von päpstlicher Seite als auch durch kaiserliches Gesetz als zulässig bestätigt war, oder sie beschäftigten sich mit Gegenständen von wissenschaftlichem Interesse, die nicht geopfert werden dürften, nur weil sie aus einer anderen Glaubensrichtung als der des Christentums kämen. Er schlug stattdessen vor, dass der Kaiser für zehn Jahre die Einrichtung von je zwei Hebräisch-Lehrstühlen an jeder Universität in Deutschland anordnen solle. Jüdische Gelehrte sollten den Universitäten diesem Plan zufolge Bücher zur Verfügung stellen.
Im Jahr 1519 wurde Stuttgart von Hunger, Bürgerkrieg und Pest heimgesucht. Vom November dieses Jahres bis ins Frühjahr 1521 suchte der altgediente Gelehrte und Mystiker Zuflucht an der Universität von Ingolstadt, wo er von Herzog Wilhelm von Bayern zum Professor berufen wurde. Hunderte von Studenten und Wissenschaftlern sammelten sich um ihn. Der herbstliche Abend seiner Laufbahn wurde verfinstert durch einen erneuten Ausbruch der Seuche. Reuchlin wurde nach Tübingen berufen, wo er den Winter 1521–22 verbrachte und seinem System gemäß lehrte. Im Frühjahr 1522 jedoch musste er einen Kuraufenthalt in den Bädern von Liebenzell antreten, wo er sich mit Gelbsucht ansteckte, der er schließlich erlag. Reuchlin, der intime Kenner kabbalistischen Wissens, starb in Stuttgart und wurde in der St. LeonhardsKirche begraben, ohne dass sich sein Traum erfüllt hatte, das Gelobte Land zu bereisen. Er hinterließ in der Geschichte der neuen humanistischen Gelehrsamkeit einen Namen, dessen Ruhm nur noch von dem seines jüngeren Zeitgenossen Erasmus übertroffen wurde.

Change of heart
Kabbala (wörtlich = Weitergabe, Tradition) bezeichnet einen Bestand an mystischem Wissen, der von Juden entwickelt und weitergegeben wurde. Die frühesten Hinweise, die wir auf die Wurzeln ihrer Entstehung haben, finden sich im Buch Bahir aus dem 12. Jahrhundert, von dem Teile möglicherweise sogar auf das 10. Jahrhundert zurückgehen. Im Mittelalter erfuhr sie eine deutliche Weiterentwicklung. Eines der wichtigsten Bücher der Kabbala ist das Sohar, das gerade in den zwei Jahrhunderten vor Reuchlin und seinen Hebräisch-Studien bekannt geworden ist.
Viele von Reuchlins Ideen, zum Beispiel auch über Engel, rühren von der Lektüre dieser kabbalistischen Texte. Er ging davon aus, dass die Kabbala die wahre Weisheit sei, die im Italien des fünften vorchristlichen Jahrhunderts von Pythagoras gelehrt wurde. Er nahm an, dass Pythagoras seine Weisheit aus dem Wissen der Kabbala schöpfte, derjenigen esoterischen Weisheit, die im Westen in Vergessenheit geraten war und sich nur in Form der jüdischen KabbalaTradition erhalten hatte. Das bedeutet für ihn auch, dass im Studium der Kabbala möglicherweise der Kern der mystischen Bedeutung des Christentums entdeckt werden kann. Für Reuchlin gibt es keine absolute Trennung zwischen Judentum und Christentum. Er weiß, dass viele Juden seiner Zeit sich nicht für die Kabbala interessieren und er unterscheidet demzufolge in Talmudisten und Kabbalisten. Eher als eine Unterscheidung zwischen Juden und Christen zu treffen, wie jeder andere es getan hätte, liegt für ihn das entscheidende Moment in der Unterscheidung von Talmudisten und Kabbalisten, egal ob christlichen oder jüdischen Glaubens. Kabbalisten sind dabei diejenigen, die in ihrer Mystik den wahren Einblick in die wahre Bedeutung des Christentums haben. Darin besteht Reuchlins Sinneswandel. Das ist, was es für Reuchlin bedeutet, ein neues Herz in seiner Brust zu tragen.
Im Libretto hat Reuchlin eine Herztransplantation hinter sich. Wenn er zu Beginn am Flughafen ankommt, wird uns davon erzählt. Ich verstehe das als Metapher für seinen Sinneswandel. Auf Englisch sagt man wörtlich »Wechsel des Herzens« – »change of heart« dazu. Ein »Wechsel des Herzens«, ein Sinneswandel, bedeutet eine Transformation von Glauben, Meinungen und Charakter eines Menschen. Durch die Begegnung mit den hebräischen Texten und der Kabbala wird Reuchlin transformiert, verwandelt. Er wird nicht zum Juden, ganz sicherlich konvertiert er nicht zum Judentum, vielmehr bleibt er katholischen Glaubens – ein frommer Katholik sogar und das obwohl er aufgrund seiner Verteidigung der jüdischen Schriften in heftigen Konflikt mit seiner Kirche gerät und der Ketzerei bezichtigt wird. Sein Verständnis aber vom Judentum und seiner Beziehung zum Christentum wird durch das Studium der hebräischen und kabbalistischen Texte entscheidend gewandelt.

Klangkabbala
Es gibt verschiedene Zweige der Kabbala bzw. verschiedene Arten oder Aspekte der Kabbala, von denen einige auch im Libretto der Oper anklingen. Nur ein paar wenige davon sollen hier behandelt werden. Ein Aspekt der Kabbala ist zum Beispiel der Fokus auf die mystische Natur der hebräischen Buchstaben, der hebräischen Schriftzeichen und Wörter. Das Universum ist der Kabbala zufolge aus den Buchstaben des hebräischen Alphabets aufgebaut und ich glaube, dass Reuchlin diese Idee begeistert aufgenommen hat. Dieses Motiv kehrt in der Musik der Oper wieder, denn mir scheint, auch für Mark Andre besteht das Universum aus Klang. Ich habe ihn das nie explizit und offen sagen
hören, aber ich schließe es aus seiner Praxis als Komponist und entnehme es manchen seiner Äußerungen über das Komponieren. (Letztes Jahr waren Mark Andre und ich beide Fellows im Wissenschaftskolleg zu Berlin und dort hatte ich Gelegenheit Einblicke in seinen Arbeitsprozess zu gewinnen.) Ich interpretiere seine Methode so – und ich hoffe, er wird dies nicht für albern oder chutzpadik (vermessen) halten –, dass für ihn die reine Existenz des Universums auf Klang beruht und dass sein Tun, das fast einer mystischen Praxis nahekommt, darin besteht, diese Klänge aufzuspüren und sie in tiefgründiger Weise zusammenzusetzen. Das ist ein Teil der Kabbala, der Mystizismus der Sprache. Genau wie die Welt für den Kabbalisten aus Buchstaben und Zeichen aufgebaut ist, ist sie für Mark Andre aus den Klängen gemacht, die jene Buchstaben und Zeichen aufrufen. Ein anderer wichtiger Teil der Kabbala ist, was wir als »Theurgie« bezeichnen. Das bedeutet, einfach gesprochen, dass menschliches Handeln auf dieser Erde Ereignisse höherer Welten beeinflusst und hervorruft. Das bedeutet, dass es für einen jüdischen Kabbalisten eine Auswirkung hat, wenn ein Jude entweder ein Gebot befolgt oder aber im Gegenteil eine Sünde begeht. Das gesamte Universum hängt ab von der Befolgung der Gebote, die damit nicht allein moralischer Art sind oder etwas wie eine Ansammlung überlieferter Praktiken darstellen; vielmehr ist es dem kabbalistischen Gedanken gemäß das Befolgen der Gebote, wovon das Universum tatsächlich erhalten und getragen wird. Reuchlin übernahm den Gedanken der Theurgie, allerdings ohne sich auf die jeweiligen jüdischen Praktiken zu stützen; wie es für die christliche Perspektive dieser Zeit typisch war, schätzte er das bestehende jüdische Gesetz sogar eher gering. Die Idee aber, dass menschliches Handeln Einfluss nehmen könne auf die höhere Welt, ist ein wichtiger Teil von Reuchlins Denken, worauf einer der wichtigsten Kabbala-Forscher unserer Zeit, Eliot Wolfson, hingewiesen hat. Reuchlins Inspiration durch die Kabbala ist nicht im Mindesten vergleichbar mit jener Art von Kabbala wie sie heute in Los Angeles und Hollywood gepflegt wird. Er hat keinerlei Ähnlichkeit mit Leuten wie Roseanne Barr oder Madonna, die auf irgendeine oberflächliche Weise mit der Kabbala in Berührung gekommen sind.

Zerbrechen der Gefäße
Reuchlin verbrachte Jahre um Jahre mit ernsthaftem Studium und war ein wirklicher Kenner der hebräischen Sprache und der Kabbala. Das kabbalistische Gedankengut in Reuchlins Texten ist erstaunlich – oder vielleicht sollte ich sagen: folglich sehr – authentisch, und es ist auch im Libretto der Oper enthalten. Naturgemäß ist dort alles verknappt. Die kabbalistischen Ideen wie sie im Libretto zum Tragen kommen, beeindrucken mich durch ihre Authentizität und Stimmigkeit. Einer der Momente, in dem der kabbalistische Bezug des Librettos am offensichtlichsten zu Tage tritt, ist, wenn es sich auf hebräische Worte bezieht, auf ganz spezielle hebräische Worte, manchmal auch auf lange Listen hebräischer Worte. Bei einer dieser Listen handelt es sich zum Beispiel um das, was wir »Sephiroth« nennen: eine kabbalistische Doktrin, der zufolge es zehn Emanationen Gottes zwischen der höchsten göttlichen Sphäre (das Unendliche) und der Welt gibt. Jede davon trägt ein Wort als Namen. Ein paar Mal finden wir auch das Wort »Kether« das Krone bedeutet. »Kether« ist die höchste Stufe der Sephiroth, die dem Unendlichen (dem »En Sof«) am nächsten ist. Wann immer ein hebräisches Wort aufgerufen wird, hat es eine enorme Bedeutung. Es sind die Worte aus denen, gemäß der Kabbala, das Universum zusammengesetzt ist.
Zum zweiten gibt es einen kurzen aber starken Moment, wo von einem Töpfer erzählt wird, der zahlreiche Gefäße herstellt und sie dann zerbricht. Im Libretto folgt dann ein Nachsinnen darüber, ob dieses Zerbrechen Zerstörung sei und das Ende bedeute oder aber Neubeginn. Diese Stelle bezieht sich direkt auf die berühmte kabbalistische Doktrin von der »Zerstörung der Gefäße«. Als Gott begann, die Welt, etwas, das außerhalb seiner selbst lag, auszuströmen, konnte diese Kraft nicht in Grenzen gehalten werden und es kam zu einer Zerstörung, einem Auseinanderbrechen der Gefäße, wie man sagt. Am Anfang füllte Gott das ganze Universum und so gab es keinen Raum, wo irgendetwas anderes hätte existieren können. Als Gott entschied, diese Welt ins Sein treten zu lassen, Platz zu schaffen für die Welt, musste Er sich zu allererst selbst beschränken, selbst kleiner werden. Von diesem Moment spricht man als von der »Kontraktion« Gottes. Aus dieser »Kontraktion« heraus wurde die Dunkelheit erschaffen. Und als Gott sprach, »Es werde Licht« (Gen 1,3), trat das Licht ins Sein und füllte die Dunkelheit und zehn Gefäße waren da, gefüllt mit uranfänglichem Licht. Wären diese Gefäße nicht zerbrochen, wäre die Welt ohne Makel. Die Gefäße aber waren zu zerbrechlich als dass sie solch ein starkes, göttliches Licht hätten halten können. Sie brachen auseinander und all die heiligen Funken wurden zerstreut in alle Welt. Diese Funken zerstreuten sich überallhin, aber mehr als irgendwohin sonst fielen sie auf das Heilige Land. Die »Zerstörung der Gefäße« ist also beides, die Erzählung von der Erschaffung der Welt und gleichzeitig die Geschichte vom Ende des Perfekten, Makellosen. Und es ist auch, was die Funken von Heiligkeit überall erscheinen ließ. Eine der bedeutendsten kabbalistischen Lehrmeinungen besagt, dass überall, wo man hinsieht, überall, wo man ist, Funken Gottes in der Welt seien. Das ist nicht gleichzusetzen mit Pantheismus. Vielmehr sind diese Funken die Funken Gottes, Funken seiner uranfänglichen Explosion. Man könnte es auch als einen Urknall bezeichnen. Und dessen Echo hallt fort. Wenn Menschen gute Taten tun und die religiösen Gebote befolgen – was auch schlicht heißen kann, einem Obdachlosen einen Euro in seinen Hut zu legen – bedeutet das, dass Funken aufglühen und zurückkehren zu Gott. Auf diese Doktrin von der Zerstörung der Gefäße als Anbeginn der Welt und als dasjenige Geschehen, das Heiligkeit zuallererst in die Welt bringt, wird im Libretto Bezug genommen.

Verwischen der Grenze
Reuchlin als gelehrten Kabbalisten darzustellen und im Libretto kabbalistisches Gedankengut auf die reale Figur des Reuchlin zu beziehen, scheint mir ein durchaus realistischer Standpunkt zu sein. Was in seinem Werk vorliegt, könnte als »magischer Realismus« bezeichnet werden. Meiner Meinung nach hat die Verlegung der Geschichte ins heutige Israel ganz verschiedene Aspekte, Aspekte und Implikationen. Zuallererst rückt sie ein weiteres, mit Reuchlin verbundenes Themenfeld ins Blickfeld. Nicht nur Reuchlin, sondern auch sein Freund und zeitweiser Lehrer Pico della Mirandola sowie die christlich kabbalistische Bewegung insgesamt verwischen Grenzen. Christliche Kabbalisten verwischen Grenzen zwischen Judentum und Christentum. Nicht weniger explizit oder tiefgreifend tut dies auch Reuchlin selbst.
Grenzwächter sehen es jedoch nicht gern, wenn Grenzen verwischt werden. Genauso sehen Rabbiner es nicht gern, dass es eine christliche Kabbala gibt; auch die Kirche nicht. Daher Reuchlins Ketzerprozess. Grenzwächter wollen, dass die Dinge sauber getrennt bleiben. Alles in schöner Ordnung: wir und sie; uns und ihnen; ihnen und uns. Was für ein schöneres Bild könnte man dafür finden als Reuchlin wie er tatsächlich versucht, eine Grenze zu überschreiten und dabei aufgehalten wird, weil seine Identität nicht geklärt ist? Seine Identität ist nicht geklärt, weil ein transplantiertes Herz in seiner Brust schlägt. Ist er ein Christ oder ein Jude? Das ist ein Thema für Grenzwächter.
Das hat natürlich auch politische Implikationen. Ich würde nicht sagen, dass die Oper an irgendeiner Stelle und auf irgendeine Weise direkt politisch wäre. Das ist sie nicht. Ich glaube, es wäre richtiggehend ungerecht, sie politisieren zu wollen. Aber die Wahl des Flughafens von Tel Aviv als Schauplatz, mit Grenzwächtern und Leuten, die hineingelassen und anderen, die abgewiesen werden, ruft doch politische Fragen ins Bewusstsein. Die Frage nämlich nach dem Status eines jüdischen Staats, nach dem Respekt gegenüber anderen Menschen, die hinein oder nicht hinein gelassen werden wollen und der Art und Weise, in welcher der Staat darauf reagiert, indem er Differenzierungen vornimmt.
Gerade erst letzte Woche habe ich von einem jungen palästinensischen Gelehrten, vielleicht sogar einem ehemaligen Schüler von mir, gehört, der in den USA lebt, einen amerikanischen Pass besitzt und der hervorragende wissenschaftliche Studien über den Talmud und islamisches Recht treibt. Und er wurde verhaftet am selben Flughafen wie Reuchlin in der Oper und das auch noch aus so ziemlich den selben Gründen. Ein Palästinenser, der Recherche in mittelalterlichem jüdischem Recht treiben möchte, erschien verdächtig. Gerade so verdächtig wie der Christ mit einem neuen Herzen, der christliche Kabbalist. Indem Reuchlin ins heutige Israel versetzt wird, ist eines klar: es passiert genau heute, am 2. März 2014. Damit Sie mich recht verstehen, es ist nicht nur theoretisch ins Heute verlegt, sondern es passiert genau jetzt. Jetzt gerade! Beide, das apokalyptische und das politische oder juridische Moment der Festlegung von Identität, der Notwendigkeit einer eindeutig zugewiesenen Identität, um eine Grenze überschreiten zu können. Genau jetzt! Um diese Grenze zu überschreiten.

Daniel Boyarin, ins Deutsche übertragen von Cordula Demattio