auf dem metaphysischen roadtrip VII – „da, wo du bist, sind selber alle welten“

Zaichen  HPO 6

Gestern Abend war die Orchesterhauptprobe. Erst durch das Staatsorchester wird das Stück vollständig. Ohne diesen Klangkörper war das gesamte Stück nicht zu begreifen. Auch eine Wagner-Oper ist zwangsläufig unvollständig, so lange sie nur vom Klavier begleitet wird – aber in unvergleichlich geringerem Maße als diese Oper. Sämtliche Erfahrungen des Protagonisten gehen durch den Orchesterkörper hindurch und finden dann erneut ihren Widerhall im Körper von André Jung. Er ist der „erste Hörende“, der erste „Ohrenzeuge“ dieser Musik. Es ist ist atemberaubend zu erleben, welche Dynamik sich nun entfesselt, da die Bedeutung der einzelnen Texturen für das Ganze deutlich wird.

Zaichen  HPO 437

Für alle, ob es nun Orchestermusiker, Solisten oder Chorsänger sind, gab es während der vergangenen Wochen sicherlich Phasen, in denen dies nicht ganz so selbstverständlich war. (Selbstverständlich wird es vielleicht nie werden.) Aber nach der gestrigen Probe kann man sagen: Wir sind bereit, abzuheben.

Zaichen  HPO 233

Schon Helmut Lachenmann hat etwas über seinen Schüler Mark Andre gesagt, das einem auch am Ende dieses Probenprozesses, am Tag der Generalprobe, einleuchtet. Man soll »einen Schlafwandler nicht wecken, bevor er nicht selbst aufwacht, sondern muss Vertrauen in seine schlafwandlerische Sicherheit setzen«. Marks Musik reagiere »seitab aller expressiven Manierismen […] auf die Erfahrung von Vergänglichkeit, vielleicht von Krankheit, Tod, und von dort auf die Erfahrung von Leben, ist insofern realis- tischer als viele andere griffigere Ausdruckswelten. Wer diese Musik hört, sich ihr aussetzt, wird vom Zuhörenden zum Hörenden, zum Beobachtenden, zum Wahrnehmenden, zum Ahnenden, will sagen: zum Fühlenden, will sagen: zum Denkenden, will sagen: zum Fragenden, will sagen: zum Entdeckenden seiner eigenen Sensibilität, seiner Reflexions-Reflexe […].« Bei Gershom Scholem liest man eine kabbalistische Interpretation der Aufforderung Gottes an Abraham »Lech l’cha« – »Ziehe hinaus«. Der Sohar übersetzt mit: »Gehe zu Dir«.

Zaichen  HPK 465

Am Ende eines Probenprozesses, der auch die Regisseure Jossi Wieler und Sergio Morabito vor ganz neue Herausforderungen gestellt hat, bleibt wenigstens eine Frage übrig: Wo ist Johannes Reuchlin auf unserem Roadtrip geblieben? Ist er verschwunden wie der Protagonist der Oper am Ende des Werks? Ohne Reuchlins Schaffen hätten wir uns wohl kaum der mystischen Welt der Kabbala genähert, aus deren Bildern, Symbolen, Gedanken sich diese Oper nun ebenso speist wie aus Motiven des christlichen Überlieferungsschatzes und Erfahrun- gen in unserer heutigen Lebenswelt.

Probe "Wunderzaichen"

In sämtlichen Ausprägungen hat die Kabba- la stets das »Ineinanderverflochtensein aller Welten und Seinsstufen betont«, so Gershom Scholem. »Alles ist miteinander verbunden und ineinander auf unfassbare, aber doch präzise Weise enthalten. Nichts ist ohne unendliche Tiefe, und von jedem Punkt aus kann diese Tiefe des Unendlichen anvisiert werden.« Die Bilder die von unterschiedlichen kabbalistischen Schulen dafür gefunden wurden, sind scheinbar entgegen gesetzt: Sie sprechen von der »unendlichen Kette und des Zusammenhangs ihrer Glieder« oder von »ineinander geschachtelten Schalen«. Wie bei einer Nuss beispielsweise. »In diesem Sinne ist es auch zu verstehen, wenn die späten Kabbalisten […] zu betonen lieben, dass der Aufstieg in die höheren Welten und bis an die Grenzen des Nichts nicht etwa eine Bewegung des Menschen von seinem Orte involviert, sondern ›da, wo du stehst, sind selber alle Welten‹.« Und dennoch wäre diese Oper nicht entstan- den, wäre der metaphysische Roadtrip bloß eine Metapher geblieben.

Probe "Wunderzaichen"