auf dem metaphysischen roadtrip VI

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Von links nach rechts: Tonmeister Dieter Fenchel, Komponist Mark Andre, Haarspitzen von Till Drömann und Patrick Hahn, Dramaturg Johannes Schott, „Taktzähler“ und Korrepetitor Jürgen Kruse

Weltweit gibt es sicher keinen effizienteren Weg, die Ressourcen eines großen Theaterbetriebs zu nutzen, als im deutschen Repertoiresystem, aber sicherlich auch keinen mit einer komplexeren Logistik. Ein Werk wie wunderzaichen löst im besten Sinne eine oft missverstandene Forderung von Pierre Boulez ein: Es sprengt das Opernhaus von innen. Komplexe elektroakustische Anforderungen benötigen andere Aufbauzeiten, eine besondere Nutzung des Zuschauerraums als Spielort erfordert nicht nur Sperrungen, gelegentlich auf besten Plätzen, sondern auch viele Meter Kabel und Monitore, um die Kommunikation der Musiker mit dem Dirigenten zu gewährleisten.

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Mark Andre, Dieter Fenchel

Dieter Fenchel, der Leiter der Ton- und Videoabteilung der Oper verpasst selbst keine einzige Probe um gemeinsam mit der Regie die geeigneten Positionen für Bildschirme und Lautsprecher zu finden, ein Beschallungskonzept zu entwickeln, eine Möglichkeit für Soufflage zu finden in einem Stück, in dem jeder geflüsterte Laut vom Publikum als Teil des Werks begriffen würde. Die rhythmisch präzisen Listen und Aufzählungen der Beamtinnen beispielsweise sind geradezu unmöglich auswendig zu lernen. Der Dramaturg Johannes Schott entwickelt gemeinsam mit Dieter Fenchel und Susanne Gschwender, der Produktionsleiterin Bühnenbild, ein ausgeklügeltes System an Telepromptern, „Speisekarten“, Zeitungen, Büchern und Tablet-Computern, die den Sängern an den entsprechenden Stellen als „Spickzettel“ dienen können. Am Ende der siebenwöchigen Produktionsphase wird er die Partitur von Mark mehrere Male abgeschrieben haben.

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Teleprompter und Dirigentenmonitore mit eingeblendeter Taktzahl

Es stellt sich bald heraus, dass die Einblendung von Taktzahlen unerlässlich sein wird, um auf den Proben ohne das Orchester eine Orientierung zu ermöglichen: Eine Simulation der Partitur auf dem Klavier ist selbst für unsere „Cracks“, Kristina Šibenik und Stefan Schreiber, die zur Verstärkung der hauseigenen Korrepetitoren geheuerten Pianisten Jürgen Kruse und Christoph Grund unmöglich. Dem musikalischen Assistenten Alan Hamilton wird während der Vorstellungen die undankbare, Aufgabe zukommen, jeden neuen Takt der Partitur mit einem Tastaturklick anzuzeigen. Für das Publikum unsichtbar, unhörbar – doch ein falscher Tastendruck gefährdet das gesamte Unternehmen: Live-Elektronik, Technik, Sängereinsätze hängen von seiner Taktzahl ab. Selbst Sylvain Cambreling hat nur zwei Hände und bei einem Komplexitätsgrad, wie ihn die vierte Situation erreicht, ist es auch ihm unmöglich, jeden Einsatz selbst zu geben. Ebenso unsichtbar und unhörbar begleitet der Dirigent und Souffleur Alexandru Petria den Hauptdarsteller André Jung durch den Abend: seine Aufgabe besteht allein darin, ihm bei seinen Einsätzen zur Seite zu stehen. Schon nach der Premiere von Falstaff hatte Sylvain Cambreling gegenüber Mark geäußert: «Ich glaube, es gibt eine Beziehung zwischen Verdis Falstaff und deinem Stück. Es sind beides Stücke, bei denen die Aufgabe für uns nicht darin liegt, sie zu interpretieren. Die Herausforderung besteht darin, sie zu realisieren.“

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Pianist Christoph Grund im Orchestergraben bei der Klavierhauptprobe

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