wunderzaichen: die handlung

Zaichen Nord 1 559
Verhör auf der Probebühne: André Jung, Matthias Klink, „Gigi“ Ullrich, Kora Pavelic © A.T.Schaefer

Unter den FAQs an die Dramaturgie der Oper Stuttgart weit oben steht die Frage: Worum geht es eigentlich in wunderzaichen? Bitteschön: Hier die Handlung des Abends. Das Stück spielt am Flughafen und gliedert sich in 4 Situationen.

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1. Situation: Passkontrolle

(Zwei Beamtinnen, Bühnenchor mit Bassbögen, Johannes, Zuspielungen, Großes Orchester)

Der Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv. Pilger und Touristen warten auf die Einreise ins Gelobte Land. Zwei Beamtinnen kontrollieren die Ausweise. Unter den Reisenden ist Johannes, der sich gegen Ende seines Lebens einen Traum erfüllen und erstmals das Land besuchen möchte, dessen Sprache und Religion er seit vielen Jahren studiert: Er ist ein Gelehrter in der Kunst der Kabbala und Verfasser eines Lehrwerks zur hebräischen Sprache. Die Überprüfung der Ausweise durch die Beamtinnen löst in Johannes Reflexionen über seine Iden- tität aus. Seit einer Transplantation schlägt ein fremdes Herz in seiner Brust, das er als »Eindringling« erfährt. Als er kontrolliert wird, weckt er mit seinem Verhalten Verdacht und soll vor der Einreise verhört werden. Die Beamtinnen führen ihn auf die Polizeiwache.

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2. Situation: Polizeirevier

(Zwei Beamtinnen, Johannes, Der Polizist, Maria, Zuspielungen, Großes Orchester)

Auf der Wache verhört ein Polizist bereits eine Frau, die ihm die gewünschten Auskünfte verweigert. Das auffällige Verhalten von Johannes, der behauptet mit Nachnamen Reuchlin zu heißen, setzt sich fort: »das zweite Mal« will er »vor etwa zwanzig Jahren« geboren worden sein. Die Frau erregt die Aufmerk- samkeit von Johannes, beide fühlen sich voneinander angezogen. Johannes hat jedoch das Gefühl, sie verwechsle ihn mit jemand anderem. Er relativiert »die Einheit eines Lebewesens« und erzählt das kabbalistische Gleichnis vom Töpfer, der seine eigenen Gefäße zerschlägt, um deren verhüllte Mängel zu offenbaren. Während dessen recherchiert der Polizist im Internet und erfährt dort, dass Johannes Reuchlin 1522 gestorben ist. Der Polizist verweigert Johannes und der Frau die Einreise und entlässt beide aus der Polizeiwache. Johannes und die Frau beschließen, gemeinsam essen zu gehen.
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3. Situation: Fast-Food-Restaurant

(Johannes, Maria, Zwei Beamtinnen und der Polizist als Service-Kräfte, Fünfzehn Instrumentaltouristen, ein Schlagzeuger als Koch-Engel, Schlagzeuger im Zuschauerraum, Zuspielungen, Orchester)

Im Fastfood-Restaurant werden fünfzehn Instrumentaltouristen vom Polizisten und den beiden Beamtinnen bedient. Johannes erfährt, dass die Frau Maria heißt. Er erzählt ein weiteres Gleichnis vom Mann aus den Bergen, der von allen Speisen, die ihm in der Stadt vorgesetzt werden, »das Wesentliche kennt«, nämlich die Weizenkörner, die zu ihrer Herstellung verarbeitet wurden. Unerwartet bricht er zusammen, erleidet einen Herzinfarkt und stirbt. Der Polizist verwandelt sich in einen Erzengel.
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4. Situation: Warteraum

(Johannes, Maria, Zwei Beamtinnen, Der Polizist als Erzengel, Bühnenchor, 24-stimmiges Vokalensemble im Raum verteilt, Schlagzeuger im Zuschauerraum, Live-Elektronik, Großes Orchester)

Johannes hat sich von seinem Körper abgelöst. Distanziert beobachtet er das Geschehen am Flughafen und »das Heer der Pilger und Gottsucherbanden«. Er denkt über die Auferstehung, die Weitergabe, die Sprache und die Liebe nach. Er ahnt, dass er selbst der Eindringling ist – »Eindringling in der Welt als auch in sich«. Maria trauert um Johannes. Er würde gern mit ihr sprechen. Doch sie bittet den Toten, sie nicht anzurühren. Lautsprecherdurchsagen rufen Johannes zur Abflughalle.