auf dem metaphysischen roadtrip IV – auf „winterreise“ in paris

Unsere gemeinsame Reise nach Israel liegt nun schon beinahe drei Jahre hinter uns. Es ist der 7. Februar 2014, die szenischen Proben von wunderzaichen sind voll im Gange, noch knapp drei Wochen bis zur Premiere. –

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„Winterreise“ von Johan Simons mit Georg Nigl in Paris am weekend Turbulences, Probenfoto (C) Ensemble Intercontemporain

Am Vorabend unserer Reise nach Paris zur Uraufführung von AZ zu Schuberts Winterreise war technische Einrichtung im Opernhaus. Anna Viebrocks Bühnenbild, das in den vergangenen Wochen in den Werkstätten der Staatstheater gebaut wurde, wird erstmals auf der Bühne montiert, Joachim Haas und seine Kollegen vom SWR Experimentalstudio sind inzwischen auch im Haus und verkabeln die Schnittstellen zu unserer Ton- und Videoabteilung, die von Dieter Fenchel geleitet wird. Dieter hat sich in den zurückliegenden Wochen bereits einen Orden verdient, er hat keine Probe verpasst und unzählige Hilfestellungen entwickelt, um den Produktionsprozess fließend zu gestalten. Gemeinsam mit dem Dramaturgiehospitanten Johannes Schott hat er einen Teleprompter entwickelt, der es den Sängern während der Proben erlaubt, die Noten auch einmal aus der Hand zu geben und auch für André Jungs Einsätze haben wir eine für das Publikum unsichtbare Lösung gefunden – schließlich hat selbst Sylvain Cambreling nur zwei Hände um zu dirigieren, auch wenn es oft so wirkt, als seien es mehr.-

Am 6. Februar hat auch der Chor die vierte Situation erstmals szenisch geprobt, die am Vormittag mit den Solisten gearbeitet worden ist. Jossi Wieler und Sergio Morabito haben nun eine szenische Lösung für die knifflige Frage gefunden, wie sie damit umgehen sollen, dass der Hauptdarsteller am Ende des dritten Teiles stirbt – aber dennoch weiterhin anwesend ist und weiterhin mitspielt. André Jung, der zur Morgenprobe quasi unmittelbar von einer Aufführung von King Lear in München eingetroffen ist, hat die Möglichkeiten dieser Situation erneut intuitiv mit messerscharfer Präzision begriffen. Ein Phänomen. Matthias Klink hat seinen Polizisten in diesem letzten Teil auch in ein Wesen von anderem Planeten verwandelt, während die Trauer und Einsamkeit von Claudia Barainskys Maria schlichtweg herzergreifend ist. Immer wieder schwingt sie sich auf in einsame Höhen, in die dieser Ausnahmestimme niemand zu folgen vermag, außer mit den Ohren. –

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Mark Andre erläutert der Harfenistin Frédérique Cambreling in der Cité de la musique seine Spieltechniken (C) Ensemble Intercontemporain

Mark und ich sitzen im TGV nach Paris, als uns die offizielle Nachricht von der Vertragsverlängerung unseres Intendanten erreicht: Bis Sommer 2018 wird Jossi Wieler Intendant der Oper Stuttgart sein. Unsere Glückwünsche aus dem Express nach Frankreicht beantwortet er mit Grüßen aus dem „Warteraum der Erinnerung“ – und in den begeben wir uns jetzt auch. Während Mark seine Partitur am Laptop korrigiert, die Erfahrungen der Orchesterproben verarbeitend, kalkulieren wir kurz die Zahl der nicht getrunkenen Kaffees und der von Daniel Boyarin nicht gelernten jüdischen Witze im Berliner Wissenschaftskolleg: Beinahe schmerzfrei löscht Mark binnen Sekunden einige in stundenlanger Detailarbeit angebrachte Notationen, die den Orchestermusikern überflüssig und verwirrend erschienen sind. (Sein Ärger richtet sich gegen ihn selbst.) Sein nächstes Stück wird für André Jung und Blockflöte sein, scherzt Mark, während wieder eine ganze Zeile Spielanweisungen per Knopfdruck verschwindet. –

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Probenfoto der „Winterreise“ von Johan Simons mit Georg Nigl. Die Musiker des Ensemble Intercontemporain wirken hier auch szenisch mit. (C) Ensemble Intercontemporain

Wir sind diesmal unterwegs zur Uraufführung eines ganz besonderen Projekts des Ensemble Intercontemporain und seines neuen künstlerischen Leiters Matthias Pintscher: Er hat Mark damit beauftragt, Zwischenspiele zu Schuberts Winterreise zu komponieren. Für die Winterreise hat er Georg Nigl als Interpreten gewonnen, Johan Simons als Regisseur und den bildenden Künstler Michael Borremans als Bühnenbildner. Anders als Hans Zender in seiner berühmten „komponierten Interpretation“ von Schuberts Winterreise hat Mark nicht in Schuberts Text eingegriffen, sondern kurze, winterlich karge Miniaturen zwischen die Sätze gesetzt. In Alfred Brendel hatte er im Berliner Wiko hierfür einen der besten Gesprächspartner gefunden, der ihn bei der Gestaltung der Abfolge beraten konnte. –


Schuberts Winterreise mit Brendel und Fischer-Dieskau (und spanischen Untertiteln, dafür ohne Marks Interludien)

Notationsfragen sind philosophische Fragen: Wer als Laie eine Partitur von Mark in die Hand nimmt, erschrickt vermutlich über die Dichte der vielen kleinen Notenwerte, der mehrfach geschichteten Balken und der Pausen mit den vielen kleinen Fähnchen. Das Schriftbild schreit „Komplexität“ und verbirgt damit oftmals, dass die dahinter liegenden Strukturen im Grunde einfach sind. Wäre es nicht leichter lesbar, wenn die Partitur statt im 3/8-Takt im 3/4-Takt notiert wäre, beispielsweise?

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Mark führt ins Feld, dass er das Gefühl habe, mit den kleinen Notenwerten die metrische Zeit präziser fassen zu können. Die metrische Zeit im Kontrast zur morphologischen Zeit innerhalb eines Werkes. Schon bei Beethoven findet man in seinen späten Werken viele Beispiele dafür. Auch hier sucht Mark also Zwischenräume, die zwischen genauer Messung und Freiheit entstehen.

Die Hörfunk-Journalistin Margarete Zander besucht uns am Platz. Sie wird das ganz Wochenende in Paris bleiben, um das Festival-Programm der Turbulences zu besuchen und darüber zu berichten. Dass nun ein junger, deutscher, erfolgreicher, blendend aussehender Dirigent und Komponist beim Ensemble Intercontemporain mit innovativen Programmen die französische Hauptstadt in den Bann schlägt, hat sich bis nach Deutschland herumgesprochen und das Interesse ist groß. –

Für jemanden, der die Partitur von wunderzaichen nun schon oft gelesen hat, ergeben sich fast zwangsläufig Bezüge zwischen den Interludien AZ und der Oper. Eine Streichertextur evoziert vor dem inneren Auge das Bild des Chores mit den Bögen zu Beginn. Eine schreitende Klaviersequenz verbindet sich vor dem inneren Ohr mit den Texten, die unsere Sänger an einer ähnlichen Stelle in der Oper darüber flüstern werden. Und doch wirken die ähnliche Klanggestalten im Kontext von Schuberts Winterreise vollkommen anders. –

Vor dem Konzert lerne ich Marks Vater kennen, der mit einem Freund die Aufführung besucht. Er erkundigt sich besorgt über den Fortgang der Arbeit an der Oper. Er deutet mit der Hand einen Dreikäsehoch an, als ich ihn frage, wann er bemerkt habe, dass Mark ein musikalisches Talent habe. Er habe schon früh manche Töne auf den Tasten angeschlagen und sei dann auf den Stuhl gestiegen, um im inneren des Klavieres über die Saiten zu kratzen. Mark seufzt und nickt und sagt: „Ich fürchte, das mache ich immer noch.“-

johan simonsJohan Simons, der Regisseur des Abends, während der Proben (C) Ensemble intercontemporain

Ganz Paris scheint diesen Abend erleben zu wollen. Mit Verspätung beginnt das Konzert, da noch der letzte Platz im Saal aufgefüllt wird. Was Johan Simons und Michael Borremans mit dem Dramaturgen Jan Vandenhouwe erdacht haben, ist so einfach wie effektiv: eine lange Tafel, gedeckt mit einem weißen Tischtuch, zu Beginn darauf Schuhe, Stiefel, durchgewandert wie unsere eigenen, nachdem wir nachmittags von der Ile de la cité zur Cité de la musique einmal quer durch Paris gewandert sind. Später kahle Bäume, Kerzen, kleine Häuser auf dem Tisch. Georg Nigl ist an diesem Abend 100 Minuten non stop auf der Bühne, er verwandelt sich vom einsamen Wanderer in eine der unendlich gefährdeten Figuren aus dem Universum von Michael Borremans. Nur einmal steht er – eine ironische Brechung – in der Rundung des Flügels, um ein Lied in klassischer Liedkunst-Manier zu schmettern. Der Abend beginnt als inszeniertes Konzert und endet als lebende Skulptur des belgischen Künstlers. Ganz große Oper – mit so wenig. Die Musik von Mark Andre interpunktiert den Zyklus und meditiert über die vorangegangenen Lieder. Am Ende friert sie die Quinten des Leiermanns ein und reicht uns den Schubert-Zyklus dar: gefroren zwar, doch atmend, voller Leben. Solch ein Liederabend deutet wirklich eine „nouvelle direction“ an, ganz wie das EIC verspricht. –

probenphoto winterreise 3 (C) Muziektheater Transparant

Nach dem Konzert gibt es ein schönes Zusammentreffen drei höchst unterschiedlicher Komponistenpersönlichkeiten: Matthias Pintscher, Mark Andre und Pascal Dusapin. Dusapin hat vor Kurzem seine siebte Oper abgeschlossen, Penthesilea von Kleist, ein Stoff, so blutig wie das Steak, das vor ihm liegt. Georg Nigl wird auch darin eine wichtige Rolle spielen. Über Oeuf cocotte au Foie gras, Tartare und anderen fleischlichen Genüssen gerät Dusapin ins Philosophieren. „Mark, wie willst Du etwas über das Leben erfahren, wenn Du nur Salat isst!“ wirft er seinem Gegenüber zu. Mark hält sich ausnahmsweise streng an einen Rat, den Bruno Mantovani, Direktor des Conservatoire und jene Pariser Komponisten-Kapazität, die an diesem Abend noch fehlt in der Runde, ihm im Sommer in Salzburg nach dem Verzehr einer Portion Salzburger Nockerln gegeben hatte: „Il ne faut pas se prendre la tête“ – „Man soll sich keinen Kopf machen“. Vielleicht sollten wir das dem Chor noch in der ersten Situation als Rat für unseren Johannes in die Partitur schreiben.

Patrick Hahn

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Mark Andre während der Pariser Proben (C) Ensemble intercontemporain

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