auf dem metaphysischen roadtrip III – weihrauch und plastik-stühle

IMG_2959 PH

Eine große Frau mit weißblondem Haar, einer randlosen Brille und der rosigen Haut eines Menschen, der mit Gott im Bund steht und von Lastern unbekümmert lebt, tritt auf unsere Gruppe zu, als wir vor einem kleinen Café am Rande Jerusalems Halt machen. Es muss Schwester Margareta Gruber sein, die uns mit einem charmanten schwäbischen Zungenschlag begrüßt. Erfreulicherweise bedarf es keiner großen Anstrengungen, die habilitierte Leiterin des Hochschulprogramms der Franziskaner in Jerusalem davon zu überzeugen, dass es schön wäre, wenn Sie die Nacht mit uns verbrächte. Ich ahne zu diesem Zeitpunkt nur, dass sie ein wichtiger Beistand für Mark werden könnte – ohne zu wissen, welch entscheidende Rolle sie in dieser Nacht spielen wird. Wir verabreden uns am Tor der Grabeskirche um 19.10 Uhr. Uns bleibt eine knappe Dreiviertelstunde, um uns noch zu stärken. Wir essen Suppe und Sandwiches. Das Café, in dem wir sitzen, wurde vor einigen Jahren von einem Attentäter in die Luft gesprengt, woran der Gedenkstein vor der Tür erinnert.
David fährt uns bis zum Jaffa-Tor. Von hier aus schlagen wir uns durch die engen Gassen der Jerusalemer Altstadt, wo die Händler unter den Rufen des Imam bereits ihre Geschäfte schließen: Jalousien rasseln runter, Abschluss, Abfall, Mülltonnen werden durch die Altstadt gewuchtet, Abfuhr. Ein Kraftakt unter Zeitdruck: Lautsprecher, Kabel, Mikrophone, Laptops, Stative und Verpflegung bringen einiges auf die Waage. Außer Atem. Vor der Grabeskirche versammeln sich bereits die ersten Pilger, die dem Schließritual beiwohnen wollen. Auch die israelische Obrigkeit – das Militär – die Vertreter der Konfessionen und die Schließer, die seit Jahrhunderten zwei islamischen Familien entstammen bereiten sich auf das Ereignis vor. Wir treten ein durch die Pforte, die tagsüber tausende Pilger durch sich hindurchlässt. Obwohl wir schwer bepackt sind, hindert uns niemand, fragt uns niemand, untersucht niemand unser Gepäck. Die Permits mit den drei großen Stempeln, die Blochmann uns besorgt hat, halte ich griffbereit, die Eintrittskarten in das Reich dieser Nacht. –
„Welcome to the night“, begrüßt uns nach dem Einschluss, nachdem die Leiter durch das schmale Fenster hereingeschoben worden und auch dieses sicher abgeschlossen worden ist, ein armenischer Pater mit weißem Bart. „We have a mob here tonight“, feixt er, während er sein Handy zückt. „If you need a coffee, just pass by“, lädt er uns ein. Er weiß besser als wir, dass die Nacht in der Grabeskirche lang sein kann und kalt.
Doch an Kaffee zu denken bleibt uns nun keine Zeit. Die Grabeskirche ist ein verwachsenes Gebäude, eine über die Jahrhunderte in Religionskriegen und –auseinandersetzungen verwucherte Architektur. Sie zu fotografieren heißt, zahlreiche Kappellen und Winkel aufzusuchen, jeweils vier Mikrophone aufzustellen, mit dem Computer zu verbinden und einen Impuls in den Raum zu senden. Im Nachhall dieses Impulses offenbart der Raum seine Identität, die als Echographie im Computer ihr Abbild findet. Als größte Herausforderung stellt sich die Suche nach Strom dar. Doch nach einer Weile entwickeln wir den Blick für die Vorhänge, die eigens dazu angebracht sind, Steckdosen zu verbergen: Auch in der Grabeskirche wird gestaubsaugt. – David und ich agieren als Mikrophonassistenten für den Ingenieur Joachim Haas. Als Impuls dient uns die Holzschachtel eines Mikrophons. Es kostet jedes Mal Überwindung, den lauten Knall, der wie ein Schuss klingt, in die Stille der Nacht zu schicken. Doch er klingt an diesem Ort noch immer erträglicher als der elektronische Sweep aus dem Lautsprecher. –
Wir haben Zeit bis um 22.30. Dann beginnen bereits wieder die liturgischen Handlungen, bei denen wir nicht stören dürfen. Eine Reihe junger Mönche – von jeder Partei einer – erfüllen jeden Winkel der Kirche mit Weihrauch. Sie laufen hintereinander in einer streng festgelegten Reihenfolge alle denselben ritualisierten Weg. Einige ältere Fratres beaufsichtigen den Prozess aus der Ferne. Angeblich kommt es oft zu Streit, wenn die jungen Mönche einander mit ihren Messingschwenkern in die Quere kommen.
Während unserer Tonaufnahmen entdecken wir allerlei Merkwürdigkeiten. In zahlreichen Ecken und Winkeln stehen Bänke übereinander getürmt, Leitern sind allerorten befestigt und diebstahlsicher abgeschlossen. Als solle der Weg zum Himmel über die Tritte von Leitern führen, die für den Ernstfall griffbereit gehalten werden.

Um 23.30 Uhr haben die Franziskaner bereits mit ihrer ersten Messe wieder begonnen. Zeit, auf das Kaffee-Angebot von Pater Samuel zurück zu kommen. Er führt uns in einen Nebenraum, eine Art Sakristei, die einige Meter unterhalb des Basisniveaus der Kirche liegt. An kostbaren Gewändern und schweren Körben voll Weihrauch vorbei gelangen wir in eine Keller der mit Plastikmöbeln und Biertischen spärlich ausgestattet ist. Pater Samuels Novize erholt sich vom Weihrauchschwenken beim Surfen in eine Art „Mönchs-Facebook“, hier unten gibt es eine drahtlose Internetverbindung. Unterdessen diskutieren Pater Samuel und Schwester Margareta über jene Frage, die Armenier und Katholiken vor Tausenden Jahren gespalten hat – und bis auf den heutigen Tag spaltet. „Metaphysisches Abenteuer oder technische Angelegenheit? Beides, das eine und das andere, das eine im anderen.“ Nach dem Instant-Kaffee und unseren mitgebrachten Keksen erhalten wir von Pater Samuel noch eine private Führung durch die nicht-öffentlichen Gemächer der Grabeskirche, die nur den Armeniern vorbehalten sind: Ein uraltes Graffiti, gemalt auf die Tempelmauern, eines der ersten Zeugnisse des Christentums. Archäologisches, Religiöses, aber auch Skurriles, wie die Schlafkojen der Mönche in einem höher gelegenen Trakt. Auch hier bleiben die Aufnahmegeräte eingeschaltet. Wieder und wieder lesen wir die Verse aus dem Johannes Evangelium, in dem es um die Begegnung Marias mit dem Gärtner am Grab geht. In immer anderen Räumen.
Die Kirche ist inzwischen erfüllt von Gesang und Gebeten. Die Orthodoxen Griechen singen lang und ausgiebig. Als letzte Partei sind die Armenier an der Reihe. Es ist bereits fast vier Uhr morgens als sie mit ihrem Gebet anheben. Die Nacht ist nun am kältesten, die Müdigkeit kriecht uns mit der feuchten Kälte, die von den alten Steinen ausgeht in die Knochen. Die alten, kehligen Gesänge der Armenier versetzen uns in einen Zustand von Zeitlosigkeit: So haben Menschen bereits vor zweitausend Jahren begonnen, ihren Glauben auszudrücken, so tun sie es noch heute. Warum singen Menschen eigentlich?
Um vier Uhr dreissig wird die Tür wieder geöffnet. Es sind die gleichen Parteien anwesend wie am Vorabend beim Einschluss. Nur die Pilger, die davor warten, sind andere. Eine schwarze Nonne mit Sonnenbrille betritt als erste die Grabeskirche. Sie trägt einen Gospel auf den Lippen und stampft rhythmisch zu den Worten, die sie murmelt. „Jesus, Halleluja, you are the most excellency.“ Ich versichere mich bei Joachim Haas, dass ich das alles nicht träume und reihe mich anschließend mit Mark ein, in der kleinen Grabkappelle selbst nun zum Abschluss der Nacht einen Gottesdienst zu feiern. Ein amerikanischer Priester tritt in die Grabeskappelle und verwandelt das Grab mit Hilfe eines Bretts, eines Tischtuchs und geweihter Gefäße in einen Altar. Er murmelt die lateinischen Gebetsformeln mit einem hörbar amerikanischen Akzent. Er feiert diesen Gottesdienst nach außen hin mit der gleichen routinierten Sicherheit, mit der ein Busfahrer morgens um 4.30 seine erste Runde fährt: von nun an wird hier im Halbstundentakt Gottesdienst gehalten. Während wir in der Stille warten, hören wir in der Ferne einen Hahn krähen. Wer hat hier nun gerade wen verraten? Wir sind drinnen in der Kapelle und doch draußen in der Geschichte. In unserer kleinen, die wir noch schreiben wollen und zugleich in der großen, deren Urheber niemand gesehen hat und dessen Namen man nicht aussprechen darf, wie man hier glaubt.

Patrick Hahn
[… und hier geht es zu Teil II der Reiseerinnerungen.]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s