auf dem metaphysischen roadtrip II – Transmission am „frishman-beach“

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Fernsehjournalisten in „Frontkleidung“, eine ostdeutsche Familie, die amerikanischen Touristen; sie alle müssen ihre Reise ins gelobte Land im nächsten Warteraum noch für einige Minuten aufschieben. Junge, hübsche Männer die um sich herum eine Mauer voller Einkaufstaschen mit Premiumlabels aufgebaut haben, blicken auf einen Rabbi, der sich inmitten seiner Plastiktaschen dem Gebet widmet. Er hat seinen reich mit Pailletten verzierten Schal über den Kopf gezogen, er richtet sich auf und stellt sich zur Wand und spricht seine Gebete.

Zögernd zunächst folgen die jungen Männer seinem Beispiel. Sie setzen die Kippa auf, befestigen sie mit Haarklämmerchen, legen ihr Tefillin an und beten gleichfalls ihre Litaneien. Aus zivilen Personen werden Akteure auf dem Feld des Religiösen. Oder anders, die Zivilisation wird zum Raum einer kulturellen und religiösen Praxis, die in der Gesellschaft, in der ich lebe, auf den privaten Raum reduziert ist, auf einen Wochentag reduziert, manchmal auch allein auf das Weihnachtsfest. Die religiösen Verrichtungen, die im Judentum den Tag und die Woche gliedern, sind in der Gesellschaft, in der ich lebe, zusammengeschrumpft auf Konsumzyklen zwischen Weihnachtsmann und Osterhase. Nachdem der eine der beiden Jungen sein Gebet beendet hat, reicht er das Lederband an den anderen weiter. Weitere Menschen füllen den Warteraum.

Dieser Warteraum ist nicht bloß eine Heterotopie, wie Foucault sie beschrieben hat. Er ist ein Ort der Verwandlung. Kein Stopover zum Badestrand. Zwischenhalt auf dem Weg zu einem Land, an dem die Identität eines ganzen Volkes hängt, die Identität dreier Religionen, das Selbstverständnis der gläubigen Welt.

Fontänen – Klimaanlagen
Im Flugzeug treffen Mark und ich endlich aufeinander – sein Flug hatte Verspätung. Wir haben Glück und finden nebeneinander liegende Plätze. Neben uns ein Telekommunikationsingenieur, der seit 24 h unterwegs, er stammt aus den USA und wird nun für einige Zeit in einer Hightech-Schmiede tätig sein. Orthodoxie und technischer Fortschritt sind kein Widerspruch.

Mark erzählt von seinen Gesprächen mit dem Philosophen Jean-Luc Nancy. Er übersetzt das Wort Kabbala mit „Transmission“, auf deutsch: Weitergabe. Ein weiteres „Trans“: neben „Transfusion“ und „Transplantation“. Von der Transsubstantation zu schweigen. Manchmal denke ich auch, wir sind auf einer Trance-Mission. Mark schildert die Verzweiflung, in der er vor dem „into“-Projekt war. Nicht ganz so sei es dieses Mal, aber die Spannung doch sehr groß. Für das Chorstück hij 2 arbeitet er gerade an verschiedenen Typologisierungen der Klanggestalten von „Weinen“. Ich muss an Dowland denken, an dessen „Seven Tears“. Doch anders als dieser von „wahren“ oder „alten“ Tränen sprach, geht Mark natürlich weit technischer vor: Weinen mit ein- und ausatmen, mit geschlossenem Mund, mit Vokalfärbungen – und natürlich geht es ihm um eine Dekonkretisierung des Weinens.

Warum weinst Du?
Wen suchst Du?
Wohin gehst Du?

So nennt er die Fragen, die ihn beschäftigen und die für ihn zum Kern der Oper führen.

Am Flughafen Ben Gurion empfängt uns der glitzernde Anblick und das erfrischende Rauschen eines künstlichen Wasserfalls, um den herum die lichte Wartehalle gebaut ist. Sitzgruppen mit Möbeln von Le Corbusier unterstreichen die Verbundenheit des Landes zur architektonischen Moderne. Wir wandeln auf der Gegenschräge. Die Einreise verläuft unproblematisch, der Polizist, der unsere Pässe kontrolliert, feixt ein wenig und bleckt uns mit seinen schiefen Zähnen an. Der Fahrer des Goethe-Institus überreicht uns unsere „Willkommenstaschen“ und bringt uns zum Hotel.

Bauhaus und Strand
Unser Hotel ist ein altes Kino, entsprechend verwinkelt sind die Zimmerchen gebaut. Es ist Teil eines wunderschönen Bauhausensembles, um einen runden Platz herum gebaut. In der Mitte gleichfalls ein Springbrunnen, der israelische Beitrag zur Opart. Ein Danaergeschenk, das – nachdem der Platz „autogerecht“ erhöht worden ist –, nun den Raum zwischen den Häusern krönt. Im Erdgeschoss der Bauten aus den 1920er Jahren finden sich Waschsalons, Zeitungskiosks, eine Disko, eine Bank. Wo in Deutschland Museumsshops wären, findet hier das Leben statt.

Jossi Wieler schickt uns per SMS an den Strand, wie Schönbergs Moses die Füße ins Wasser zu halten und den Sonnenuntergang zu genießen. Dafür ist es bereits knapp. Wir eilen über die „Dysengoff“, einst die prächtigste Einkaufsstraße des Vorderen Orients, heute eine urbane Sammlung von Cafes, Wechselstuben, Schuhläden und Telefon- und Ramschläden. Über die „Frishman“ erreichen wir den Strand, die Sonne ist schon hinterm Horizont verschwunden, die rechten Winkel der Architektur schneiden scharfe Linien in den Himmel der „bluehour“. Rechte Winkel und Diagonalen behaupten lautstark, dass eine architektonische Moderne möglich gewesen wäre, die Eklatanz einer Bauhausrundung in den brutalen Betonbauten ist kaum zu übertreffen. Klimaanlagen überall und Leitungen auf den unverputzten Außenmauern, die Nervenbahnen der Stadt liegen offen. Zwischen hochrenovierten Bausünden verfallen manche Gemäuer, über allem thronen die Hochhäuser, von denen manche wirken, als hätte ein Riese ihnen ein Stück vom Kopf abgebissen. Ostblockcharme meets orientalische Metropole. Mädchen mit wildlockigen Mähnen sind dabei, ihre Geschäfte zu schließen, kurzgeschorene Jungs warten mit dem Roller vor der Tür.

Nüsse und Mandeln
Um halb acht holt uns unser Gastgeber, Georg Blochmann, vom Hotel ab. Auch er trägt sein „Goethe“-Täschchen, er führt uns durch die nächtlichen Straßen von Tel Aviv in sein Lieblingsrestaurant. Mit dem Sarkasmus, der mir schon von unseren Telefonaten bekannt war, führt er uns in die Stadt ein, in ihr Betriebssystem, das er offenkundig so lieb gewonnen hat, wie es ihm fremd geblieben ist. Er preist den Tel Aviver Eklektizismus des spätosmanischen 19. Jahrhunderts mit ironischen Worten, schildert mit Hingabe die zementene Bausünde der größten Synagoge. Fast gegenüber weist er uns auf ein Mahnmal hin – wo immer man in der Stadt einen solchen Stein findet, ist einmal ein Attentat verübt worden.

Am Straßenschild George Hamilikh erklärt er uns den Unterschied von Auserwählten und Gentiles. Im Licht der Laterne stellt ein Bettler sein Bein voll offener Wunden aus. Ma möchte sagen „Lazarus, steh auf“, doch wir sind nicht in der Bibel. Eine der Wunden ist so groß und rund wie die Lüftung einer Klimaanlage.

Das Restaurant wäre ohne unseren „Host“ nicht zu finden gewesen, in einem Hinterhof einer vielbefahrenen Straße tut sich ein kleines Paradies auf, ein „hortus conclusus“. Obwohl es frisch ist, sitzen wir draußen. Grell geschminkte Mädchen, in figurbetonten, modischen Kleidern nehmen am Nebentisch Platz, gut situierte Menschen sitzen im orientalischen Märchendunkel des Innenraums.

Blochmann unternimmt einen neuen Versuch zu verstehen, was wir eigentlich mit der Oper vorhaben. In gemeinsamer Anstrengung gelingt es Mark und mir, Blochmann einen Eindruck zu vermitteln, der wenigstens halb so vage ist wie unser eigener.

Vor dem Nachtisch schildert er seine größte Heldentat: Wie es ihm gelungen ist, von den drei Patriarchaten, denen die Grabeskirche untersteht, die Erlaubnis für unsere Aufnahmen und den Dreh zu erhalten. Im Geiste gehen wir mit ihm durch verschachtelte Patriarchate griechischsprechender Orthodoxer, begegnen „venerable archbishops“, treffen auf „beängstigende Armenier“, die aussehen wie Filmfiguren in Belfegor. Wir sind hochgespannt auf die Begegnung mit Schwester Margareta Gruber, einer habilitierten Franziskanerin, die ihm bei dieser diplomatischen Übung geholfen hat. Alle drei Kirchen verlangen 100 Dollar für den „Permit“. Seit den Ablassbriefen hat sich offenkundig nicht so viel verändert.

Patrick Hahn

[… und hier geht es zu Teil I der Reiseerinnerungen.]

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