auf dem metaphysischen roadtrip I – „Nach der Gewohnheit des früheren Lebens“

Am See Genezareth

Ob es nicht besser sei, „einmal gebombt als tausendmal erniedrigt zu werden“. Diese Frage – Robert Pfaller hat sie gestellt – darf man nicht einmal denken, denke ich bei mir, während eine Gruppe amerikanischer Rentner in Trainingsanzügen, die über den klapprigen Körpern etwas zu groß wirken, wie auf Puppenkörpern, ein Kreuzigungsballett vollführt. Alle heben die Arme, breiten sie aus, drehen sich im Kreis zwischen Absperrbändern. Während geübte Hände Gelenke, Schuhsohlen und Büstenhalter auf verdächtiges Material absuchen, sind die Körper gefroren in der Pose des Schmerzensmannes. Ikonen im Zeitalter der Security. Kein Rührmichnichtan, nirgends.

Auf dem Weg ins Heilige Land muss ich an ein Gleichnis von Walter Benjamin über das Reich des Messias denken. „Es gibt bei den Chassidim einen Spruch von der kommenden Welt, der besagt: es wird dort alles so eingerichtet sein wie bei uns. Wie unsre Stube jetzt ist, so wird sie auch in der kommenden Welt sein; wo unser Kind jetzt schläft, da wird es auch in der kommenden Welt schlafen. Was wir in dieser Welt am Leibe tragen, das werden wir auch in der kommenden Welt anhaben. Alles wird sein wie hier – nur ein klein wenig anders.“ Ein guter Grund, sich gescheit zu kleiden und auch beizeiten ein gutes Haus zu beziehen. Aber worin besteht das „anders“? Giorgio Agamben interpretierte Benjamin so: „Die Veränderung findet nicht in den Dingen, sondern an ihrem Rand statt, in jenem Spielraum, der zwischen jedem Ding und ihm selber liegt.“ Während ich meine Schuhe ausziehe und auch mein Körper zum Feld einer sicherheitstechnischen Untersuchung wird, fühle ich allen Spielraum schwinden.

Der Spielraum scheint ohnehin recht schmal zu sein, wie das Beispiel der Legende von Er in Platons Politeia beweist. Die Seelen, denen Er begegnet, treffen nach dem Tod aufeinander „wie zu einer festlichen Versammlung“. Da Er als einziger nicht vom Fluss des Vergessens zu trinken erhält, kann er sich nach seiner Rückkehr aus dem Jenseits noch bestens an das Schauspiel erinnern, das die Seelen ihm bei der Wahl des Körpers, in dem sie auf die Erde zurückkehren wollen, bieten. Meist treffen sie die Wahl „nach der Gewohnheit ihres früheren Lebens“, Orpheus habe das Leben eines Schwanes gewählt, da er – aus Haß gegen das weibliche Geschlecht – „von keinem Weibe habe wollen geboren werden“, die Seele des Odysseus wählt, im Andenken an die früheren Mühen und Gefahren, das Leben eines von Staatsgeschäften entfernten Privatmannes, und findet es, „wo es von allen übrigen verachtet gelegen habe“.

Abseits der Warteschlange hat sich ein orthodoxer Jude in einen Nebengang zurückgezogen. Er legt seine Gebetskleidung an, seinen Schal, sein Tefillin – er benutzt das Flughafengeländer als Hilfsmittel um sein Lederband aufzurollen. Unterdessen lege ich den Gürtel, den ich bei der Sicherheitskontrolle ablegen musste, wieder an. Die einen gürten sich an ihren Gott. Die anderen an ihren Hosenbund.

Patrick Hahn

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