“Liebe, was ist das?” – Produktionstrailer

Seit der Saison 2014/15 gestaltet der Filmemacher Tobias Dusche während der Endproben jeweils einen kurzen Film, der eher eine künstlerische Reaktion auf die Produktion ist als ein typischer “Info-Film”.

Für seinen Kurzfilm zu “Così fan tutte” hat er mit Schauspielern des Schauspiel Stuttgart zusammen gearbeitet und so eine kleine Wort-Musik-Bild-Collage geschaffen, die zentrale Ideen der Produktion “ins Bild setzt”.

così fan tutte – probentrailer

Zu diesem Zeitpunkt wirken die Bilder aus dem Probentrailer von Norbert Goldhammer fast schon nostalgisch – die Probebühne haben wir längst geräumt, die szenischen Proben auf der Bühne sind abgeschlossen, Herbert Murauers Bühnenbidl ist in allen Details fertig und von Reinhard Traub magisch illuminiert und statt der Probenkostüme tragen die Sänger die originalen Kleider, die Anja Rabes ihnen entworfen hat. Heute wird die Produktion der Öffentlichkeit vorgestellt. Aber die Arbeitshypothesen sind dieselben geblieben und nach wie vor treffend. Bis hier die bewegten Bilder des Filmemachers Tobias Dusche folgen werden, noch einmal der Link auf den Probentrailer zu Così fan tutte– und ein herzliches Toi toi toi allen Beteiligten.

so machen sie es alle – ein trugschluss?

Wenn am Ende von Così fan tutte alle gemeinsam das Lob der Vernunft anstimmen, so will den Protagonisten keiner so recht glauben, dass sie selbst von der Richtigkeit ihrer Gedanken überzeugt sind: »Glücklich der Mensch, der alles von der guten Seite nimmt und in den Wechselfällen des Lebens sich von der Vernunft leiten lässt«. Mit dieser Maxime ist die Liebe noch nicht außer Kraft gesetzt. In einem französischen Traktat über die Kämpfe, welche die Liebe gegen die Vernunft und die Eifersucht geführt hat, kommt es am Ende zum Showdown im Streitgespräch zwischen Liebe und Vernunft. Die Liebe gesteht der Vernunft die Zuständigkeit für das Allgemeine zu – während sie im Besonderen weiterhin Souverän ist: »Und dies lässt mein Reich von ihrem recht verschieden sein; sie können niemals in absoluter Herrschaft Befehle erteilen, denn Sie sind verpflichtet, in allen Dingen Vernunft walten zu lassen. Aber ich agiere souverän und handle nur dann vernünftig, wenn es mir gefällt.«

Dieser Sieg der Vernunft mag jedoch nicht der einzige Trugschluss am Ende dieser Oper sein. Eigentlich beginnt sie sogar mit einem. Schon in der Ouvertüre präsentiert Mozart deutlich das musikalische Motiv, mit dem Don Alfonso im Verlauf der Oper seine zynische These kund tut: »Così fan tutte«.

titelmotiv cosi

Mozart harmonisiert diese Aussage jedoch zunächst nicht als »Aussage« mit einem vollgültigen harmonischen Schluss, sondern mit einer Wendung in die Moll-Parallele. Ein harmonischer Schritt, der in der Musikwissenschaft als »Trugschluss« bezeichnet wird. Mozart präsentiert die These der Oper also selbst zunächst als Frage, deren Beantwortung im Laufe des Abends erfolgt.

Polyamorie

Was würden Paartherapeuten Dorabella und Ferrando, Fiordiligi und Guglielmo wohl heute raten, wenn sie nach dem Erlebten ihre Sprechstunde aufsuchen würden? Vermutlich würden sie zunächst konstatieren, dass Fiordiligi und Ferrando am AMEFI-Dilemma leiden. „AMEFI steht für den Wunsch ‚Alles mit einem für Immer’, und die diesige Mehrheit der Menschen in unseren Breitengraden wünscht sich genau das. Einen einzigen Menschen, mit dem man // in einer Partnerschaft alles teilen kann, und diese Beziehung dann ewig auf diesem Niveau zu führen. Das sind drei Wünsche auf einmal, und in der Kombination sind sie für Partnerschaften geradezu tödlich, weil es real existierenden Beziehungen prinzipiell unmöglich ist, all dies zu erfüllen.“ So schreiben die beiden Paarberater Fischbach und Lendt in ihrem Buch “Treue ist auch keine Lösung”. (Ein Interview mit den beiden gibt es hier: http://www.treueistauchkeineloesung.de/pages/interview.html

Sodann würden sie ihnen vermutlich raten, ihr Leben von der NRE, der New Relationship Energy, erfüllen zu lassen. „Die Liebe hat vermutlich nie den Anspruch gehabt, zwei Menschen in trauter Zweisamkeit für ein ganzes Leben aneinanderzubinden. Liebe hat vor allem etwas mit Aufbruch zu tun und damit, dass zwei Individuen ihre Komfortzone fasziniert verlassen, um sich auf die Suche nach dem schillernden Möglichen zu machen, das die Luft erfüllt, wenn sie zusammenkommen“, würden sie vermutlichen sagen. Und in den Augen der wachsenden Zahl polyamourös gebundener Menschen hätten sie sogar wohl ein bisschen recht, wenn sie feststellen würden: „Vielleicht ist aber gar nicht die Liebe oder die Treue das Problem – sondern schlicht und ergreifend die Monogamie.“ Eifersucht enthält ein großes Gewaltpotenzial. Nur Liebe wird nicht weniger, wenn man sie verschwendet.

Die Tageszeitung Die Welt hat in den vergangenen Jahren immer wieder über das Phänomen der Polyamorie berichtet.

Die emotionalen Grenzen der Vielliebe

Polyamorie ist mehr als nur Abwechslung beim Sex

Warum treu sein, wenn es doch Polyamorie gibt

fragment einer sprache der … zwei

bühne der zwei

Die Liebe ist eine „Bühne der Zwei“, wie Alain Badiou schreibt. Sie unterbricht die Perspektive des Einen und lässt die Welt aus dem Gesichtspunkt des Anderen oder des Unterschiedes neu erstehen. Die Negativität einer Umwälzung zeichnet die Liebe als Erfahrung und Begegnung aus: „Es ist klar, dass ich unter der Einwirkung einer Liebesbegegnung, wenn ich ihr wirklich treu bleiben will, von Kopf bis Fuß meine gewöhnliche Art, meine Situation zu leben (habiter), umkrempeln muss.“ (Alain Badiou)

www.oper-stuttgart.de/cosi/

Heute: Einführungsmatinee

Copyright by A.T.Schaefer

Copyright by A.T.Schaefer

Bei der Einführungsmatinee am Pfingstmontag, 25. Mai 2015, um 11 Uhr im Foyer I. Rang stellen Yannis Houvardas (Regie), Herbert Murauer (Bühnenbild) und Patrick Hahn (Dramaturgie) ihr Konzept der Neuinszenierung vor.

Karin Torbjörnsdóttir, Dominic Große und Thomas Elwin aus dem Opernstudio umrahmen die Matinee musikalisch.

Karten (5 Euro) unter Tel. 0711 20 20 90 oder www.oper-stuttgart.de/cosi/