Vortrag: Stimme und Geschlecht

Herzliche Einladung nicht nur für Berenike-Fans: Am kommenden Montag (30.3.2015) findet im Rahmen der Reihe Spielraum Oper ein Vortragsabend zum Thema “Stimme und Geschlecht in Rock und Barock” statt. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr im Kammertheater, der Eintritt ist frei.

Die Kastratenpartien in Jommellis Oper haben auch bei der Premiere von Berenike für interessierte Nachfragen gesorgt: Flavio, Vologeso und Aniceto – gleich drei Männer mit hoher Stimme? In der Stuttgarter Aufführung wurden Vologeso und Flavio von Sophie Marilley und Catriona Smith gesungen, Aniceto hingegen von Igor Durlovski – was spricht für die heutige Besetzung mit Frauen, was für die mit Countertenören?

Corinna Herr, Musikwissenschaftlerin und Autorin des Standardwerks Kastraten und Falsettisten in der Musikgeschichte, spricht über den Umgang mit Stimme und Geschlecht in französischer und italienischer Oper und geht dabei auch auf Jommellis Il Vologeso ein.herrbuch Musikwissenschaftler René Michaelsen konzentriert sich in seinem Vortrag hingegen auf den Umgang mit Stimme und Geschlecht in der populären Musik – gibt es Parallelen zur Oper des 18. Jahrhunderts? In René Michaelsens Vortrag wird es außerdem um Calixto Bietos Stuttgarter Inszenierung von Rameaus Platée gehen.

Starring: Berenike, Königin von Armenien


Tobias Dusche stellt mit seinem Kurzfilm die Inszenierung “Berenike, Königin von Armenien” vor. Wie schon im Video zur Inszenierung “Chowanschtschina” vermittelt der Film nicht nur die Handlung: Spannungsreiche Szenen, die starke Bildhaftigkeit der Bühne und eine facettenreiche musikalische Gestaltung machen Lust auf die Stuttgarter “Berenike”.

„Launiger gestimmt als gewöhnlich …“ – aus einem Brief Niccolò Jommellis

„Ich hatte noch keine Zeit, Ihr Ezio-Manuskript aufmerksam zu lesen, aber ich habe es überflogen und es scheint mir sehr gut. Oh Gott! Wenn ich daran denke, dass ich diese Oper erneut komponieren muss, noch dazu für einen so aufgeklärten Herrscher und Kenner, der alle meine anderen Vertonungen desselben Textes besitzt,[1] bekomme ich Fieber. Ich liebe und verehre Metastasio, knie vor ihm und allen seinen Werken nieder und bete ihn an. Aber ich wünschte mir, dass auch er mit der Mode ginge und so viele neue Werke schüfe, wie die Welt sie sehnsüchtig verlangt! Denn aus den immer gleichen Worten immer wieder neue musikalische Gedanken zu entwickeln, die sich nicht nur von den eigenen, bereits mehrfach variierten, unterscheiden müssen, sondern auch von denen so vieler unzähliger anderer Komponisten, das muss selbst demjenigen Schwindel verursachen, der einen Kopf aus Bronze trägt. Genug. Ich empfehle mich dem Schutz Apollos und meiner über alles geliebten Euterpe[2].“

Dieser Stoßseufzer findet sich in einem Brief, den Niccolò Jommelli am 14. November 1769[3] aus Neapel an seinen „lieben Dichter“, den Librettisten Gaetano Martinelli schreibt. Martinelli, der mit Jommelli zwischen 1766 und 1768 in Ludwigsburg und Tübingen vier „drammi giocosi“ verfasst hatte, war im Zuge der Auflösung des Personalbestandes des Herzoglich-Württembergischen Theaters auf Empfehlung Jommellis als Hofdichter in Lissabon bestallt worden. Dort agierte er als wichtigster Vertrauensmann Jommellis, der seit 1768 die Portugiesischen Hoftheater mit alten und neuen Werken belieferte, ohne bei deren Einstudierung persönlich anwesend sein zu können. Weiterlesen

Helene Schneiderman singt Jommelli -

ein Höhepunkt zum Abschluss des WERKRAUM JOMMELLI!

Alle Begeisterten, die nach den ersten drei Vorstellungen von Jommellis Berenike, Königin von Armenien (Il Vologeso) noch nicht genug haben und sich von seiner virtuosen Musik entzücken lassen möchten, können sich freuen – auch vor der nächsten Berenike-Serie (ab dem 9. Mai dieses Jahres)! Demnächst gibt es ein weiteres Konzert mit Kompositionen von Jommelli und seinen Zeitgenossen: Am Mittwoch, den 4. März präsentieren Helene Schneiderman und weitere Ensemblemitglieder und Gäste der Oper Stuttgart im Mozartsaal der Liederhalle musikalische Kostbarkeiten unter dem Titel „L’epoca più gloriosa“. Die Musikalische Leitung liegt bei dem Geiger, Konzertmeister und Dirigenten Bernhard Forck, der nun schon zum wiederholten Male die Musikerinnen und Musik des Staatsorchesters mit seiner Erfahrung im „vorklassischen“ Repertoire inspirieren wird.

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Bruno Forment: Niccolò Jommelli und sein ‘Vologeso’ (Teil 4)

Vortrag, gehalten in englischer Sprache im Rahmen des WERKRAUM JOMMELLI an der Oper Stuttgart am 6. Februar 2015,
deutsch von Hanna Kneissler und Sergio Morabito.

(Hier geht’s zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3.)

kreisdiagramm

Arienverteilung “Lucio Vero” (Venedig, 1699)

Diese erste Graphik zeigt die Verteilung der 36 Arien in Zenos ›Urtext‹ von 1699: Den Löwenanteil hat Berenice mit zehn Arien, während Lucilla und Aniceto jeweils sechs Arien erhielten. (Zeno hatte eine Vorliebe für solch intrigante Vertraute; Aniceto wird im Original des Lucio Vero von Vologeso erstochen, wobei sein Tod nur erzählt, nicht gezeigt wird.) Erst an dritter Stelle folgen Lucio Vero und Vologeso mit je fünf Arien: die Rivalen bekamen also gleich viel zu singen. Claudio (alias Flavio) erhielt mit „nur“ vier die wenigsten Arien. Eine Rolle hat gar keine Arien, sondern nur Rezitative: Niso (er fehlt bei Jommelli). Schade, dass wir die Namen der Erstbesetzung von Zenos Oper nicht kennen und die Partitur von Carlo Francesco Pollarolo verloren gegangen ist; ansonsten hätten wir die Rollenhierarchie rekonstruieren können (Berenice als Prima donna, Vologeso als Primo uomo etc.).

Die nächste Abbildung verdeutlicht, dass Jommellis Mailänder Fassung von 1754 (Lucio Vero) nur mehr 24 Arien aufweist:

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Bruno Forment: Niccolò Jommelli und sein ‘Vologeso’ (Teil 3)

Vortrag, gehalten in englischer Sprache im Rahmen des WERKRAUM JOMMELLI an der Oper Stuttgart am 6. Februar 2015, deutsch von Hanna Kneissler und Sergio Morabito.

(Hier geht’s zu Teil 1 und Teil 2)

Trotz Zenos eigenen Vorbehalten gegenüber seiner Libretto-Produktion möchte ich die Gelegenheit nutzen, die theatralen Qualitäten von Lucio Vero gebührend zu würdigen. Es ist wirklich kein Zufall, dass dieses Dramma per musica zu den beliebtesten der gesamten Aufklärungsepoche gehörte, beschreibt seine Handlung doch eine Achterbahn spektakulärer Wendepunkte. Unter den theatralischen Höhepunkten beeindruckt mich die Szenenfolge 2 bis 7 des dritten Aktes besonders: Lucius Verus lässt Berenike – in einer Mischung aus Terror und Zuwendung – ein zugedecktes Becken reichen, das nicht, wie Berenike vermuten muss, den abgetrennten Kopf Vologesos, sondern Krone und Zepter enthält, die Berenike aber ablehnt. Diesen coup de théâtre, der eines Victor Hugo würdig wäre, gestaltete Jommelli in einer Redaktion, die Zenos Grundstruktur und auch seinen Wortlaut im Wesentlichen beibehalten hat. Jommelli schuf eine außerordentliche Ombra-Szene in einem recitativo obbligato, in dem er sich nicht – wie es in Accompagnati der Zeit die Regel ist – auf den Streicherapparat beschränkt, sondern auch Holzbläser prominent einbezieht. Die Tonart ist Es-Dur, die dunkle, „todesnahe“ Tonart auch von Jommellis Requiem aus dem Jahr 1756. Äußerst effektvolle Motive und Orchesterfarben schildern Berenikes Orientierungsverlust, ihre Angst und ihre Halluzinationen. An einer Stelle bezieht sie sich auf das „Mahl des Thyestes“ (laut der griechischen Sage wurden Thyestes seine eigenen Kinder serviert), und hört den Geist (ombra) Vologesos, den sie für tot hält. Letzterer wird durch ein Trio von zwei Oboen und einem Fagott evoziert (zur berühmten Hofkapelle Carl Eugens gehörten zwei katalanische Oboen-Virtuosen, José und Joan Baptista Plà).

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Bruno Forment: Niccolò Jommelli und sein ‘Vologeso’ (Teil 2)

Vortrag, gehalten in englischer Sprache im Rahmen des WERKRAUM JOMMELLI an der Oper Stuttgart am 6. Februar 2015, deutsch von Hanna Kneissler und Sergio Morabito.

(Hier geht’s zu Teil 1)

Wie der Großteil von Zenos Libretti basiert auch Lucio Vero auf historisch verbürgten Ereignissen und Charakteren. Für viele Künstler der Aufklärung bot ein solcher Stoff das sine qua non künstlerischer Wirkungsmöglichkeit, da die ‚Darstellung der Natur’ als das Ziel von Kunst ganz allgemein begriffen wurde. Jommelli war ein glühender Verfechter dieser Überzeugung. In einem oft zitierten Brief, den er drei Jahre nach Il Vologeso 1769 schrieb, argumentierte er, dass „für die Tragödie eine historische Erzählung einer mythologischen immer überlegen“1 sei, denn während übernatürliche mythologische Vorgänge nur überraschen könnten, könne Geschichte uns menschlich berühren. Die Frage ist natürlich, bis zu welchem Grad Lucio Vero und dessen Überarbeitung Il Vologeso historisch genannt werden können. Die Titelfigur, Lucius Antoninus Verus, war ein Adoptivenkel des Kaisers Hadrian. Hadrian hatte verfügt, dass sein Adoptivsohn, Antoninus Pius, sein Nachfolger werden sollte – unter der Bedingung, dass dessen Nachfolger, Marc Aurel, Lucius Verus adoptierte, was im Jahr 161 zu einer einzigartigen Co-Regentschaft dieser beiden Männer führte.

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Lucius Antoninus Verus (130-169)

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