Lenz unter der Lupe IV – Der Begriff “Kammeroper”

Die vierte und letzte Folge unserer Videoserie dreht sich um den Begriff der “Kammeroper”: „Kammermusik erlaubt uns im Orchestergraben ein ‚intimes Gespräch unter Freunden‘: Anders, so glaube ich, kann man sich mit dieser Tragödie um die Person des Jakob Lenz auch gar nicht auseinandersetzen.“
Stefan Schreiber

Lenz unter der Lupe III – Anspielungen und Zitate

In der dritten Folge von “Lenz unter der Lupe” spielen Stefan Schreiber und Patrick Hahn ‚Erkennen Sie die Melodie?‘ und erläutern Funktion und Bedeutung von Anspielungen und historischen Zitaten in Wolfgang Rihms Musiksprache.

“Warum singe ich überhaupt” – Georg Nigl im Porträt

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Georg Nigl ist ein international beschäftiger Sängerstar. Seine Gestaltung der Titelpartie von Jakob Lenz geht unter die Haut. Im Porträt von Babette Karner stellt er die Schlüsselfrage jeder Oper: “Warum singe ich überhaupt?”

Der Strom ins Herz der Zuhörer

lenz1 „In seiner Brust war ein Triumphgesang der Hölle. Der Wind klang wie ein Titanenlied“ – In Georg Büchners Novelle Lenz hat alles einen Klang: Gott und der Teufel, die übermächtige Natur und die verzweifelte Sehnsucht nach Liebe. Wie ein heimlicher Soundtrack durchzieht Musik die kurze Erzählung Georg Büchners über das Scheitern des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz. Gerade im Bereich des Hörens reicht die Wahrnehmung von Lenz über das physikalisch Messbare hinaus. Seine Versuche, sie anderen zu vermitteln, sind von vornherein vergeblich: „Hören Sie nicht diese entsetzliche Stimme, die um den ganzen Horizont schreit und die man gewöhnlich Stille nennt?“ Georg Büchners auf authentischen Dokumenten beruhende Novelle ist eine Steilvorlage für jeden Komponisten.

 In den Zustand komponieren

Als Wolfgang Rihm 1978 mit dem Librettisten Michael Fröhling aus Büchners Erzählung die Kammeroper Jakob Lenz entwickelt, rückt ihm das Ausmaß der psychischen Verzweiflung mit jedem Schritt deutlicher vor Augen. Lenz erscheint ihm als Chiffre der Verstörung. „Ich komponierte mich in diesen Zustand, soweit wie mir möglich, hinein“, erinnert er sich an den Versuch, dem bedingungslosen Scheitern – auch dem Scheitern der Musik – musikalisch Ausdruck zu verleihen. Die Antwort ist eine Kammeroper, die mit radikaler Reduktion der Mittel – mit einer Handvoll Instrumentalisten, sechs Chorsängern, zwei Kinderstimmen und drei Solisten – das vielschichtige Psychogramm der kranken Seele zeichnet.

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Parallelen zu Wolfgang Rihms eigenem Aufbegehren als Sturm-und-Drang-Komponist, den die gestrenge Avantgarde damals ihre geballte Verachtung spüren lässt, weist der Komponist heute jedoch von der Hand: „Lenz’ Aufbegehren ist nicht in seiner Jugend begründet, sondern Bestandteil einer sehr komplexen Disposition seiner Psyche“. Georg Büchner und Wolfgang Rihm zeigen Lenz als einen Menschen, dessen Seele der Welt nicht gewachsen ist. Alle Rettungsversuche sind zum Scheitern verurteilt. Schließlich kapituliert die Seele – mit dem Tod des Gefühls stirbt schließlich auch die Musik.

Erfolgsoper

Dass Lenz’ Wahnsinn existentielle Sehnsüchte und Ängste spiegelt, die nicht nur Wolfgang Rihm in den Bann schlugen, zeigt die beispiellose Erfolgsgeschichte dieser apokalyptischen Künstleroper. Seit der Uraufführung 1979 an der Hamburger Staatsoper wurde Jakob Lenz rund 500 Mal gespielt. Das mag, wie der Komponist bescheiden anmerkt, daran liegen, dass sich die Kammeroper auch an kleineren Häusern und in wirtschaftlich schweren Zeiten mit relativ geringen Mitteln auf die Bühne bringen lässt. Um aber möglichen Missverständnissen vorzubeugen: Jakob Lenz ist alles andere als ein „Operchen“ und die kammermusikalisch reduzierte Besetzung kein Indiz für leichte Kost.

lenz3Im Gegenteil: die Größe der Botschaft bemisst sich nicht an der Größe der Mittel. Mit einem Paukenschlag und einer einsamen Melodie, mit der geballten Kraft von nur sechs Bläsern, drei Violoncelli, Schlagzeug und Cembalo schafft Wolfgang Rihm Augenblicke höchster Intensität und Dichte, ein musikalisches Kammerspiel, das gerade in der Weite der großen Opernbühne seine volle Kraft entfaltet.Der seidene Faden, an dem Jakob Lenz hängt, ist der Strom ins Herz der Zuhörer. Am 25. Oktober hat Jakob Lenz – in der Inszenierung von Andrea Breth und mit Georg Nigl in der Hauptrolle – in Stuttgart Premiere.

Martina Seeber

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