Lenz unter der Lupe II: Die sechs Stimmen

Die zweite Folge von “Lenz unter der Lupe” mit Stefan Schreiber und Patrick Hahn erläutert die “Sechs Stimmen”, die in Rihms Oper – und auch in Jakob Lenz’ Kopf – eine zentrale Rolle spielen.

Der historische Kaufmann

Die historische Vorlage für die dritte Hauptperson aus “Jakob Lenz” ist die merkwürdigste und zwielichtigste: Christoph Kaufmann.

Christoph_Kaufmann_von_Winterthur

Der 1753 in Winterthur geborene Christoph Kaufmann ist vor allem als Erfinder
des Romantitels Sturm und Drang in die Geschichte eingegangen, der später zu einer literarischen Epochenbezeichnung wurde. Kaufmann selbst hat nur wenig veröffentlicht, er wirkte vor allem durch seinen Einfluss auf unterschiedliche Intellektuelle seiner Zeit, bis er von immer mehr Meinungsführern als Scharlatan eingeordnet und fallengelassen wurde.

Kaufmann machte eine Ausbildung zum Apothekergehilfen und arbeitete zunächst in einer Apotheke in Straßburg. Begeistert von Ideen Rousseaus gründete er mit Gleichgesinnten den »Straßburger Brüderbund« und formulierte mit diesen eigene Erziehungsideen. Nachdem er auf diese Weise eine gewisse Bekanntheit erlangt hatte, kehrte er 1775 in seine Heimatstadt zurück und gebärdete sich zunehmend als exzentrisches Genie und Missionar einer reformistischen Lebensweise, zu der körperliche Arbeit und vegetarische Ernährung gehörten. Gefördert von einflussreichen Persönlichkeiten wie Johann Caspar Lavater reiste er viel und kam in Kontakt mit den maßgeblichen Autoren seiner Zeit, die ihn zum Teil euphorisch weiterempfahlen.

Ende 1777 kam Kaufmann in Kontakt mit Jakob Michael Reinhold Lenz, der
deutliche Anzeichen einer schweren psychischen Erkrankung zeigte. Eine kleine Reisegruppe, zu der auch Kaufmann gehörte, begleitete Lenz ins Elsass zu Johann Friedrich Oberlin. Ungefähr um die gleiche Zeit geriet Kaufmann zunehmend in Misskredit, weil sein großspuriges Verhalten und seine geringe tatsächliche Schaffenskraft nicht zusammenpassten. Darüber hinaus gab er sich als Arzt aus, und dichtete sich Heldentaten in fernen Ländern an. Nach seinem gesellschaftlichen Absturz studierte Kaufmann eine kurze Zeit Medizin und praktizierte anschließend ohne Abschluss als Arzt in verschiedenen Gemeinden der Herrnhuter Brüdergemeine. Er starb 1795 in Berthelsdorf bei Herrnhut.

Ulrich Holbein im Titel-Magazin über Christoph Kaufmann: “Sternstunde und Bauchlandung”

Lenz des Tages [5] Mein Herz

LENZDESTAGESMein Herz

Kleines Ding, um uns zu quälen,
Hier in diese Brust gelegt!
Ach wer’s vorsäh’, was er trägt,
Würde wünschen, tätst ihm fehlen!

Deine Schläge, wie so selten
Mischt sich Lust in sie hinein!
Und wie augenblicks vergelten
Sie ihm jede Lust mit Pein!

Ach! und weder Lust noch Qualen
Sind ihm schrecklicher als das:
Kalt und fühllos! O ihr Strahlen,
Schmelzt es lieber mir zu Glas!

Lieben, hassen, fürchten, zittern,
Hoffen, zagen bis ins Mark,
Kann das Leben zwar verbittern;
Aber ohne sie wär’s Quark!

Lenz unter der Lupe – Teil I: Der Zentralklang

Stefan Schreiber, Pianist und Dirigent an der Oper Stuttgart, und Dramaturg Patrick Hahn nähern sich in vier Gesprächen den musikalischen Schwerpunkten von Wolfgang Rihms Oper “Jakob Lenz”.

Die erste Folge dreht sich um den sogenannten Zentralklang – oder auch um das “Nicht-Gelingen” der perfekten Harmonie.

 

Der historische Oberlin

Auch die zweite wichtige Figur in Rihms “Jakob Lenz” beruht auf einer historischen Persönlichkeit: Johann Friedrich Oberlin (1740-1826):

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Johann Friedrich Oberlin wurde am 31. August 1740 in Straßburg geboren. Nach Schulausbildung und Studium arbeitete er zunächst einige Jahre als Hauslehrer. 1767 wurde er evangelischer Pfarrer in der sehr armen und landwirtschaftlich rückständigen Gemeinde Waldersbach im Elsass und prägte die Gemeinde bis zu seinem Tod 1826 als Seelsorger, Sozialreformer und Pädagoge.

Geprägt von den pädagogischen Ideen Rousseaus und durch die pietistische Herrnhuter Brüdergemeine baute Oberlin das Schulwesen in Walderbach aus und richtete Schulen für Kleinkinder ein, die heute als Vorläufer des Kindergartens gelten. Darüber hinaus propagierte er moderne Anbaumethoden in der Landwirtschaft, engagierte sich in der Erwachsenenbildung und verbesserte die Infrastruktur in seinem Tal.

Der Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz verbrachte 1778 rund drei Wochen bei Oberlin. Der Pfarrer galt als fähiger Seelsorger, und so erhofften die Freunde von Lenz sich durch den Aufenthalt eine Verbesserung der gesundheitlichen Situation. Oberlin war jedoch anfangs nicht über die psychische Erkrankung informiert und schätzte deren Intensität falsch ein. Seine Bemühungen um Lenz scheiterten, und die Pfarrersfamilie litt zunehmend unter dem unberechenbaren Gast. Nachdem der Dichter mehrfach versucht hatte, sich umzubringen, ließ Oberlin ihn unter Bewachung nach Straßburg bringen. Im Anschluss hielt Oberlin seine Erfahrungen mit Jakob Lenz in tagebuchartigen Aufzeichnungen fest, die später das Ausgangsmaterial für Georg Büchners Novelle Lenz wurden und zum Teil wörtlich in Büchners Text eingeflossen sind.