denkraum VI – in memoriam gérard mortier

(C) picture alliance / AP Photo, Paul White

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Durch den Tod des großen Theaterintendanten Gérard Mortier am 8. März 2014 fand die heutige denkraum-Veranstaltung nicht mit ihm, sondern in seinem Andenken statt.

 

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Neben dem Chefdramaturg der Oper Stuttgart Sergio Morabito und dem Künstlerischen Betriebsdirektor der Bayerischen Staatsoper Viktor Schoner würdigten der Intendant und Übersetzer von Mortiers Buch “Dramaturgie einer Leidenschaft” Sven Hartberger das Schaffen Gérard Mortiers. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir hier einen Nachruf, den Sven Hartberger auf Gérard Mortier verfasst hat.

A.M.D.G

Gerard Mortier, * 25. November 1943 + 8. März 2014

Memoiren zu schreiben, wäre Gerard Mortier nie in den Sinn gekommen, auch nicht, wenn er hundert Jahre lang gelebt hätte. Der Weg des Bäckerbuben aus Gent an die Spitze der internationalen Opernwelt war einfach keine Geschichte, die er interessant fand oder die er hätte erzählen wollen. Mortier ging es um Grundsätzliches, nämlich um die Frage des Platzes der Kunstform Oper im Leben der Menschen des 21. Jahrhunderts, um ihre Bedeutung für alle Arten von Konflikt und Gemeinschaft zwischen Menschen, im Großen wie im Kleinen, und um die Verantwortung des Musiktheaters im politischen und gesellschaftlichen Kontext.

In seiner “Dramaturgie einer Leidenschaft” gibt er Rechenschaft über die Überlegungen und Haltungen, welche Grundlage seiner mehr als drei Jahrzehnte umspannenden Arbeit als künstlerischer Leiter großer europäischer Opernhäuser und Festivals waren. Eben so wenig wie ein gültiges Bild von Mortiers Schaffen durch eine Aufzählung der Stationen dieser Laufbahn gezeichnet werden könnte – vom Flandernfestival und der Deutschen Oper am Rhein über das in einem Jahrzehnt von Mortier aus der Randständigkeit in den Mittelpunkt des internationalen Opernlebens gerückte Théâtre de la Monnaie (1981 – 1991); zu den von ihm neu gedachten und neue erfundenen Salzburger Festspielen (1992 – 2001); seine Verwandlung des Ruhrpotts in ein geistiges Zentrum Europas (2002 – 2004); bis hin zur Einbringung der großen Ernte in den faszinierenden Jahren an der Opéra National de Paris (2004 – 2009) und zuletzt am Teatro Real in Madrid – so wenig könnte dies durch den Gedanken an sein im Wort vertretenes und in der Tat eingelöstes Engagement für das gewaltige Repertoire der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelingen, oder durch die Erinnerung an die Vielzahl exemplarischer Produktionen von die gesamte Operngeschichte von Monteverdi bis zum heutigen Tag umspannenden Werken, die an Mortiers Wirkungsstätten entstanden sind. Auch der Blick auf die enorme Zahl neuer Werke, die er angeregt und deren Verwirklichung er durchgesetzt hat oder die Vergegenwärtigung von Künstlerfreundschaften, die er mit seinem untrüglichen Blick und Gespür für fruchtbare Konstellationen gestiftet und mit der ihm eigenen Konsequenz befestigt hat, wären nur eine lückenhafte Basis für eine angemessene Würdigung dieses herausragenden Lebenswerks.

Es ist seine erstmals im Jahr 2009 in französischer Sprache veröffentlichte “Dramaturgie”, eine enragierte Verteidigung des von Monteverdi intendierten politischen Musiktheaters gegen den Abstieg in die Zirkusarena des instrumentalen und sängerischen Virtuosentums, die eine Idee von der dauerhaften Leistung Mortiers gibt. In der, in diesen Tagen erscheinenden erweiterten deutschsprachigen Fassung des Buches, begründet Mortier seine lebenslängliche Liebe und Leidenschaft für die bewegende Macht der menschlichen Stimme gerade damit, daß sie eben nicht der Endzweck, sondern das entscheidende Mittel der nichts vergleichbaren Kunstform Oper ist. Die Einzigartigkeit des Genres begründet er mit der Verbindung von Wort und Musik, durch welche Verstand und Gefühl auf die selbe Stufe gehoben werden und mit dem dadurch bewirkten gleichzeitigen Appell an Vernunft und Emotion, der Erfahrungen begünstigt, welche die anderen Künste in dieser Weise nicht vermitteln können. Die bewußte Nutzung dieses Potentials als expliziten Beitrag zur Verbesserung der Welt wurde von Mortier als eine Verpflichtung betrachtet, die er mit emphatischen Worten begründet hat: Theater machen bedeutet, die Routine des Alltäglichen zu durchbrechen, die Akzeptanz wirtschaftlicher, politischer und militärischer Gewalt als Normalität infrage zu stellen, die Gemeinschaft zu sensibilisieren für Fragen des menschlichen Daseins, die sich nicht durch Gesetze regeln lassen, und zu bekräftigen, dass die Welt besser sein kann, als sie ist. Theater machen ist also eine Sendung, ein priesterliches Amt beinahe, ohne darum eine Offenbarungsreligion zu sein. Das Theater ist eine Religion des Menschlichen.

Der Sendungsbegriff, der Gerard Mortiers Verständnis des Theaterberufs bestimmte, war aber nicht der überhebliche Gedanke an eine herausragende Erkenntnisposition, die es nun einem breiten Publikum zu vermitteln gelte, sondern im Gegenteil das Bewußtsein einer Verpflichtung zu Suche, Frage und Antwort, mit dem es weit her war und das in ihm tiefe Wurzeln hatte. Wer Mortier auch nur ein wenig gekannt hat, wußte um die Bedeutung der Abkürzung A.M.D.G., mit der in den späten Fünfzigerjahren jede schriftliche Arbeit des Jesuitenzöglings am Sint-Barbaracollege in Gent zu beginnen hatte: Keine Arbeit sollte zum bloßen Erwerb von Fertigkeiten und Wissen, und schon gar nicht zur Vorbereitung auf Wettbewerb und wirtschaftlichen Aufstieg begonnen werden, sondern einzig ad maiorem Dei gloriam, zur höheren Ehre Gottes. Mortier hat diese Besonderheit seiner schulischen Ausbildung eher im humorvollen Ton berichtet, dennoch war deutlich, daß sie für ihn bestimmend geworden ist. Wenige Wochen vor seinem Tod hat er sich über die Erinnerung an seine Erzählung gefreut und die Vermutung über ihre Bedeutung für sein Leben lachend bestätigt: Ja, genau so sei es, und deshalb würde auf der französischsprachigen Nachricht über seinen Tod außer seinem Namen und seinen Lebensdaten nichts als jene vier Buchstaben zu finden sein, auf der flämischen hingegen die Worte “Dem Wahren, Schönen, Guten”, weil das nämlich auf eines hinauslaufe.

In Wien wird man im Juni noch einmal ein Ergebnis dieser Haltung sehen können. Es wird es gleichzeitig wahrscheinlich die letzte Gelegenheit sein, Michael Hanekes Inszenierung der Cosi fan tutte auf der Bühne zu erleben: Das kleine Theaterwunder hat zunächst einmal mehr als 300 Vorsingen für die Besetzung der sechs Rollen des Kammerspiels verlangt, und die auch für eine Wiederaufnahme erforderte präzise Probenarbeit stellt enorme Anforderungen an einen Theaterleiter, wie sie üblicher Weise schlimmstenfalls für eine Neuproduktion zu gewärtigen sind. – Welcher Intendant tut sich so etwas an? Die Antwort auf die Frage fällt leicht: Gerard Mortier hat sich das ein ganzes Leben lang angetan und genau das ist der Grund dafür, daß ein überproportional großer Teil der bedeutendsten Opernproduktionen der vergangenen dreißig Jahre an den von ihm geleiteten Bühnen stattgefunden hat.

Am Samstag, dem 8. März hat Gerard Mortier in seiner Wohnung in Brüssel von seinen engsten Angehörigen und einigen wenigen guten Freunden Abschied genommen. Dann ist der Mann, der unseren Begriff von Oper seit den 80er Jahren revolutioniert und der Kunstform ihr Maß für das 21. Jahrhundert gesetzt hat, ruhig eingeschlafen. Kein Intendant wird sich fortan mit der Berufung auf die Schönheit des Orchesterspiels und die Leistungen der weltweit von den gleichen Agenturen verschickten Sängerstars als Qualitätsausweis für seine Arbeit begnügen können. Nur wer sein Opernhaus oder sein Festival mit den Mitteln von Wort und Musik als ein Zentrum der geistigen und politischen Auseinandersetzung, als einen Ort der permanenten Befragung der condition humaine zu etablieren versteht, wird zukünftig Anspruch darauf machen können, als künstlerischer Leiter seiner Institution ernst genommen zu werden: Das ist das Lebenswerk Gerard Mortiers. Es wird weit über seinen Tod hinaus Bestand haben.

Sven Hartberger

Mit Johannes Reuchlin durch Stuttgart II

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Zum letzten Mal gibt es am Sonntag, 16. März um 15.00 Uhr die Möglichkeit, auf einem Spaziergang gemeinsam mit Johannes Reuchlin – der historischen Persönlichkeit, die Mark Andre zu seiner Oper wunderzaichen inspiriert hat -, die Wohn- und Wirkungsstätten dieses ersten deutschen Humanisten zu besuchen.

Die Führung übernimmt auch am 16. März wieder Olaf W. Schulze, der offizielle Reuchlin-Darsteller der Stadt Pforzheim.

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Der Weg führt vom Opernhaus zum Innenhof des Landesmuseums, dann weiter zum Fruchtkasten und zur Stiftskirche und schließlich zur Leonhardskirche, wo Johannes Reuchlin begraben liegt.

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Musiker des Staatsorchesters Stuttgart geben außerdem im Rahmen des Spaziergangs einen musikalischen Einblick in die Welt des Komponisten Mark Andre.

STADTSPAZIERGANG – denkraum III wunderzaichen
“Auf den Spuren von Johannes Reuchlin”
Ein Stadtspaziergang mit Olaf W. Schulze (offizieller Reuchlin-Darsteller der Stadt Pforzheim), Patrick Hahn und Musikern des Staatsorchesters Stuttgart
Treffpunkt: Freitreppe Opernhaus
15.00 – 16.45 Uhr
Eintritt frei

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WZ in Pforzheim

Am gestrigen Sonntag haben Sergio Morabito und Patrick Hahn die Oper wunderzaichen in Pforzheim in der Schlosskirche vorstellen dürfen – direkt neben dem Reuchlin-Museum.

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In Pforzheim finden derzeit auch Aufführungen eines Stücks über das Leben von Johannes Reuchlin von Peter Wortsman statt: “Wo man Bücher verbrennt” (englischer Titel: “Burning Words”) wird vom Amateurtheaterverein Pforzheim in der Regie von Reinhard Kölmel als Deutsche Erstaufführung gespielt.

https://kulturhaus-osterfeld.de/programm/veranstaltung?view=date&id=2596

Bei uns geht es am kommenden Sonntag mit wunderzaichen weiter.

Nächste Aufführungen:
Am 16.3.
Am 22.3.
Am 25.3.

denkraum wunderzaichen II der eigene tod

Im denkraum wunderzaichen II leert Patrick Hahn heute um 17 Uhr seinen Zettelkasten. In einer assoziativen Text-Musik-Collage legt er Inspirationsquellen und Quelltexte offen, öffnet musikalische Referenzräume und denkt grundsätzlich über den Tod des Autors nach. 

 

https://www.staatstheater-stuttgart.de/spielplan/2014-03-07/denkraum-wunderzaichen/

WZ in der NZZ

Marco Frei war für die Neue Zürcher Zeitung bei uns und hat eine sehr differenzierte Rezension verfasst: 

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/buehne_konzert/nachdenklich-ohne-emphase-1.18257583

Versucht, auf seine Frage nach der “Politik” und der sozialkritischen Haltung zu antworten, könnte man mit Karl Rahner sagen: “Je mystischer, desto politischer.”

Ohne Mark Andre und seine Musik falsch politisieren zu wollen, könnte man doch sagen: Steht nicht die Identität derzeit massiv in Frage? Ist nicht die Frage nach den Grenzen des “Ich”, nach Grenzen allgemein, extrem politisch? Muss man Terroristen (Gudrun Ensslin als “Mädchen mit den Schwefelhölzern”) ins Libretto schreiben, damit es politischer wird? Muss die Oper am Hauptbahnhof spielen (“Superflumina”), damit sie näher an den sozialen Härten dieser Welt dran ist, als wenn sie am Flughafen spielt? Und ist Nonos “Prometeo” nicht im gleichen Sinne mystisch wie die Musik Mark Andres? Das sind spannende Fragen, die wir sicher auch in den Nachtgesprächen diskutieren werden! 

Patrick Hahn 

Nächste Aufführungen:
Heute, 7.3.
Am 16.3.
Am 22.3.
Am 25.3.